Hebammen beraten schwangere Asylbewerberinnen in Unterkunft

Dabei werden unter anderem Eisentabletten verteilt und Mutterpässe ausgestellt

Sven Koch

Gut gelauntes Team: Andrea Tillmanns-Bittel, Ursula Schmolke, Julia Boldt und Brigitta Pütz (von links) kümmern sich um schwangere Flüchtlinge und Kleinkinder. Kleine Hilfsmittel, um Ängste abzubauen – etwa Kinderspielzeug –, können sie immer gut gebrauchen. - © Bernhard Preuß
Gut gelauntes Team: Andrea Tillmanns-Bittel, Ursula Schmolke, Julia Boldt und Brigitta Pütz (von links) kümmern sich um schwangere Flüchtlinge und Kleinkinder. Kleine Hilfsmittel, um Ängste abzubauen – etwa Kinderspielzeug –, können sie immer gut gebrauchen. (© Bernhard Preuß)

Detmold. „Man entwickelt eine gewisse Demut vor dem eigenen Leben", sagt Andrea Tillmanns-Bittel. Die Hebamme spricht darüber, was sie in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an der Adenauerstraße so alles erlebt. Dort bieten sie und drei Kolleginnen jeden Freitag eine Hebammensprechstunde an und kümmern sich dabei ehrenamtlich vor allem um werdende Mütter.

Andrea Tillmanns-Bittel, Brigitta Pütz, Ursula Schmolke und Jutta Boldt haben sich im früheren „Medical Center" der Britischen Streitkräfte an der Siegfriedstraße eingerichtet. Es ist ein kleiner Raum, die tristen Kacheln sind mit selbstgebastelten Blumen aus buntem Papier geschmückt. Draußen, auf dem Flur ist es rappelvoll – er fungiert als Wartezimmer für sämtliche ärztlichen Versorgungen und Untersuchungen in dem Gebäude. Dolmetscher sind mal da, mal sind sie nicht da.

Kleiner Pieks: Zu den wichtigsten Untersuchungen einer Schwangeren gehört die Messung des Eisengehaltes im Blut. - © Bernhard Preuß
Kleiner Pieks: Zu den wichtigsten Untersuchungen einer Schwangeren gehört die Messung des Eisengehaltes im Blut. (© Bernhard Preuß)

„Wir reden schon oft mit Händen und Füßen", erklärt Andrea Tillmanns-Bittel, die schildert: Seit etwa einem Jahr bieten die Hebammen von Floh & Co. die Sprechstunde an, in der sie unter anderem geflüchtete schwangere Frauen mit Eisentabletten und mit Mutterpässen ausstatten sowie weitere Untersuchungen vornehmen. „Es ist ein niedrigschwelliges Angebot", berichtet Tillmanns-Bittel.

Große Blutbilder und Ultraschalluntersuchungen könne man selbstverständlich nicht vornehmen, aber zumindest schwangeren Frauen eine erste Versorgung zukommen lassen und ihnen dabei helfen, dass sie es nach dem Transfer aus der Landeseinrichtung in die einzelnen Kommunen leichter haben. Weiter kümmern sich die Hebammen auch um die Nachsorge bei Frauen und Neugeborenen oder bieten Schwangerschaftstests an.

Information
Babysachen

Die Hebammen freuen sich einerseits über den nach ihrer Beobachtung „sehr respektvollen Umgang" der Detmolder mit Flüchtlingen, aber auch über kleine Kuscheltiere für Neugeborene und kleine Bälle für größere Geschwisterkinder. Babykleidung für Früh- und Neugeborene in den Größen 50 bis 56 ist ebenfalls hilfreich und wird gern angenommen.

Und es geht auch um mehr – Dinge, die gänzlich unmedizinisch sind: Geschwisterkinder stauben manchmal ein kleines Spielzeug ab, am begehrtesten seien kleine Fußbälle. Werdende Väter hören die ersten Herztöne ihres Kindes aus dem Mutterleib. Schwangeren Müttern, die Teile der Familie und sogar kleinere Kinder im Herkunftsland zurück lassen mussten, wird über Skype ein Kontakt hergestellt.

Zustande kam die Sprechstunde durch einen Anruf. Andrea Tillmanns-Bittel schildert: „Da kam eine afrikanische Frau aus München nach Detmold, und ich wurde angerufen, ob ich kommen kann. Sie hatte vor sieben Tagen entbunden, und das Kind und sie waren in einem sehr schlechten Zustand." Daraus sei die Initiative zur regelmäßigen Sprechstunde entstanden, dessen „Oberbau" das Projekt für Frauen in schwierigen Lebenssituationen von Floh & Co. darstellt.

Wie viele Frauen es in dem einen Jahr bereits betreut hat, vermag das Hebammen-Quartett nicht zu sagen oder zu schätzen. „An manchen Freitagen sind es 14 Frauen", sagt Andrea Tillmanns-Bittel, „an anderen Tagen nur vier." In den Anfangstagen seien zumeist aus Nigeria oder Somalia stammende Frauen gekommen, danach viele aus Osteuropa und den Balkanstaaten. Inzwischen erschienen fast nur noch Frauen und Familien aus Syrien oder dem Irak.

Das A und O für alle stelle der Eisentest dar sowie die Versorgung mit entsprechenden Tabletten – und am Ende schlicht und ergreifend die Tatsache, dass professionelle Hilfe da ist, wenn professionelle Hilfe gebraucht wird.

Hebammenpraxis Floh & Co., www.hebammenpraxis-lippe.de

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