Grünen-Chef Robert Habeck auf Heimatsuche am Hermannsdenkmal

Miriam Scharlibbe

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Symbolträchtig: Robert Habeck vor dem Hermannsdenkmal in Detmold. - © Bernhard Preuß
Symbolträchtig: Robert Habeck vor dem Hermannsdenkmal in Detmold. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Bis Robert Habeck etwa zehn Jahre alt war, hat er viele Sommertage in Detmold verbracht. Familienbesuch. Die Schwester seiner Oma wohnte in Lippe. Habeck, bis zum 1. September noch Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, erinnert sich an Himbeeren im Garten, nicht aber an den Hermann. Die Begegnung mit dem Cheruskerfürsten Arminius hat sich der neue Bundesvorsitzende der Grünen für seine Sommerreise aufgehoben.

Zwischen einem Kasernenbesuch in Bückeburg und einem Gespräch mit Bürgern in Bielefeld will der 48-Jährige im Teutoburger Wald über Heimat sprechen. "Wir hätten unsere Sommertour auch unter ein ökologisches Motto stellen können, aber wir wollten bewusst Termine machen, die auch uns etwas abverlangen", sagt Habeck. "Uns", damit ist auch Annalena Baerbock gemeint. Die Doppelspitze ist Tradition bei Bündnis 90/Die Grünen. Andere Sachen haben sich geändert. Habeck: "Wir waren vermutlich mal die chaotischste Partei Deutschlands. Heute, würde ich sagen, ist das die CSU."

Ein Norddeutscher mit Emotionen

Dass Habeck nicht gut auf Horst Seehofer zu sprechen ist, hat er vor wenigen Tagen in einer Talkshow bewiesen. In der Debatte um die Flüchtlingspolitik zwischen ihm und CSU-Staatsministerin Dorothee Bär wurde der Grüne laut. Auch in OWL setzt der Norddeutsche auf Emotionen: "Es geht gerade um eine fundamentale Werteverschiebung in der Politik. Ich fühle mich herausgefordert, wie nie zuvor in meiner politischen Existenz."

Der Termin am Hermannsdenkmal sei der vielleicht schwierigste seiner ganzen Reise. Er hadert sichtlich mit dem - wie er sagt - "martialisch, kriegerisch wirkenden Denkmal". Im Gespräch mit führenden Museumsleitern der Region wird aber auch deutlich, wie wichtig es dem Schriftsteller ist, die Deutungshoheit über nationale Symbole nicht den politischen Rändern zu überlassen.

"Meine Sommerreise soll auch eine Kampfansage nach rechts sein", sagt Habeck. Er sei auf der Suche nach Antworten auf die Frage, ob Deutschland einen linken Patriotismus braucht. Habeck sucht die Diskussion, gibt sich bürgernah. Der Doktor der Philosophie trägt Jeans, die Hemdärmel hochgekrempelt. Die Umhängetasche einer Trendmarke ist aus gebrauchten Lkw-Planen genäht. Zum Gespräch setzt sich der 48-Jährige kurzerhand im Schneidersitz ins Gras. Ein bisschen grünes Klischee muss sein.

"Die regieren wie absorbiert von der Angst vor der AfD."

Über Seehofers Amtsbezeichnung hat Habeck mal gesagt, "der Heimatminister sei der neueste Witz der Geschichte". Aber auch er spürt, dass die Debatte über Identität die Deutschen beschäftigt. "Heimat ist ein subjektives Konzept", sagt Habeck. "Es ist kein Ort. Heimat ist für mich da, wo meine Familie ist und einfach ausgedrückt da, wo man doof sein darf, sich nicht beweisen muss."

Der Grünenchef zeigt sich enttäuscht von der Großen Koalition. "Die regieren wie absorbiert von der Angst vor der AfD." Der Streit in der Union lässt ihn nur noch mit dem Kopf schütteln. "Wir hätten uns das keine drei Wochen angesehen ohne einzugreifen", sagt Habeck, der vor fast einem Jahr mit Union und FDP über eine Jamaika-Regierung verhandelte. "Aber wenn die SPD redet, ist Schweigen ja lauter." Überhaupt, Parteien, die sich nur auf ihr Stamm-Milieu konzentrieren, würden nicht merken, was die Stunde geschlagen hat. Habeck: "Der nächste Wahlkampf wird anders. Da wird nicht den ganzen Sommer über rumgemerkelt."

Für die einen ist es ein Versprechen, für die anderen eine Kampfansage. Bei der Parteibasis kommt diese Art an. Am Abend in Bielefeld reicht der Saal des Historischen Museums im Ravensberger Park nicht aus. Weit mehr als die erwarteten 100 Menschen sind gekommen. Die Organisatoren verlegen die Veranstaltung kurzerhand ins Freie. Habeck spricht ohne Mikrofon. Er ist nicht zu überhören.

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