Bielefeld/Gütersloh. Auslöser war ein ganz normaler Besuch eines Servicetechnikers der Firma Miele. Als dieser seinem Kunden nach der Reparatur anbot, zusätzlich noch andere passende Geräte des Haushaltsgeräteherstellers verkaufen und liefern zu können, witterte eine Familie einen großen Coup. Drei Brüder, eine ihrer Lebensgefährtinnen und der Vater der in mehreren Orten in OWL ansässigen Großfamilie wurden nun von der Staatsanwaltschaft Bielefeld unter anderem wegen gewerbsmäßigen Betruges und Hehlerei angeklagt. Das eigentlich erfolgreiche Angebot des Miele-Servicedienstes hatte einen Schönheitsfehler. Die Firma prüfte nicht die Bonität seiner Kunden und vertraute auf die Begleichung der Rechnungen, berichtet Staatsanwältin Lea Rhein von der Schwerpunktabteilung für besonders umfangreiche Wirtschaftsstrafsachen. Das soll der älteste der drei Brüder erkannt, in einem ersten Rutsch Geräte im Wert von gut 6000 Euro bestellt und seine Familie zur Nachahmung angestiftet haben. Noch bevor die Rechnungsfristen abliefen, sollen sie innerhalb kürzester Zeit rund 100 Geräte im Gesamtwert von 210.000 Euro bestellt und gleich wieder verkauft haben. Bezahlen wollten sie keines davon. Lesen Sie auch: Schlag gegen Hehlerbande aus OWL: Durchsuchungen auch in Lippe Miele-Geräte unter falschen Namen bestellt Wie Lea Rhein berichtet, soll ein Servicetechniker Ende Februar mit Bestellungen überrollt worden sein: darunter viele Kaffee-Vollautomaten im Wert von 3000 bis 4000 Euro, Waschmaschinen, Kochfelder, Backöfen, Kühlschränke, Gefriertruhen, Geschirrspüler, Staubsauger – alles, was bei Miele zu bekommen war. Die Bestellungen sollen unter falschem Namen erfolgt sein. Für Miele sei nicht erkennbar gewesen, dass die Besteller alle Mitglieder einer Familie gewesen seien. Es dauerte zwei Monate, bis die Masche in der Buchhaltung auffiel. SEK stürmt drei Wohnungen Insgesamt vier Familienmitgliedern des polizeibekannten Clans im Alter von 25 bis 57 Jahren sowie einer Lebensgefährtin eines der Brüder (32) – sie wohnen in Bielefeld, Detmold, Augustdorf und Bremen – warfen die Ermittler schnell gewerbsmäßigen Betrug vor. Im August erfolgten dann Durchsuchungen in Bielefeld, Schloß Holte-Stukenbrock, Bad Salzuflen, Steinheim, Bremen und Dortmund. Weil insbesondere bei den wegen Betrugs- und Gewaltdelikten bekannten Brüdern bewaffnete Gegenwehr nicht auszuschließen war, erfolgte die Stürmung der Objekte in drei Fällen mit Unterstützung eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Polizei. In der Tat fanden die Beamten bei dem 25-Jährigen eine Schusswaffe. Die Angeklagten sollen bei ihren Bestellungen falsche oder veränderte Namen verwendet haben und die Ware schnell an Ankaufsfirmen vor allem in Münster, aber auch in Bielefeld und an einen fliegenden Händler veräußert haben – etwa zum halben Preis. Deshalb wird den drei Brüdern zusätzlich auch noch Hehlerei vorgeworfen. Ankäufer bekamen von Miele zunächst grünes Licht Den Ankäufern sei nichts vorzuwerfen, so die Staatsanwältin. Sie hatten sich sogar bei Miele rückversichert. Das in Gütersloh und Bielefeld ansässige Unternehmen hatte ihnen zu diesem Zeitpunkt noch anhand der vorliegenden Rechnungen einen regulären Verkauf bestätigt. Die Firma stoppte den weiteren Verkauf durch Servicetechniker nach dem Ausbleiben der Zahlungen im Wert von 210.000 Euro und schloss anschließend die Sicherheitslücke der Geschäftsidee. Die daraufhin alarmierte Polizei ermittelte zunächst gegen zehn Beschuldigte. Gegen fünf von ihnen wurde nun Anklage vor dem Schöffengericht am Landgericht Bielefeld erhoben. Der Tenor der Anklage: Das Ziel der Angeklagten sei gewesen, sich so viele Bestellungen wie möglich in kurzer Zeit liefern zu lassen und dann unterzutauchen. In einem Fall hatte das kurzfristig Erfolg. Doch auch der Beschuldigte wurde schließlich ausfindig gemacht und verhaftet. Die Servicetechniker erhielten in diesen Fällen übrigens keine Provision. Die wäre nach Angaben der Ermittlungsbehörden erst nach Zahlungseingang geflossen. Eine Zusammenarbeit mit den Angeklagten sei nicht zu erkennen. Zweite Anklage mit ähnlichen Vorwürfen Einer der Brüder wurde parallel noch wegen eines gleich gelagerten Betrugsfalles mit Werkleistungen mit einem Schaden in vier- sowie fünfstelliger Höhe angeklagt. Sein Verfahren wurde deshalb abgetrennt und wird einzeln verhandelt. Alle drei Brüder landeten nach ihrer Festnahme in Untersuchungshaft. Da alle drei inzwischen Geständnisse abgelegt haben, wurde die Vollstreckung der Haftbefehle ausgesetzt, sagt Lea Rhein. Die anderen Beschuldigten schweigen bisher zu den Vorwürfen.