Detmold. Das Detmolder Kinder- und Jugendbuch-Festival „Wortspielerei“ findet bereits zum fünften Mal statt. Los geht es ab Freitag, 19. September. Bis Sonntag, 21. September, werden Autoren an unterschiedlichen Orten lesen. Außerdem gibt es Mitmachangebote. Im Buchsalon am Markt am Schlossplatz liest am Samstag ab 14 Uhr Tanya Lieseke aus „Wir sind (die) Weltklasse“ Lesung mit Tanya Lieske (6-10). Sie ist für den Kinder- und Jugendliteraturpreis 2025 nominiert und auch als Journalistin tief in die Literatur verstrickt. Der dritte Band der „Weltklasse“-Reihe ist da. Würden Sie einmal zusammenfassen, was die Serie ausmacht? Tanya Lieseke: Wir haben es mit einer klassischen Schulgeschichte zu tun, eigentlich. Einige Besonderheiten gibt es aber doch. Ein Besuch in einer Grundschulklasse in Düsseldorf hat mich hier inspiriert: Alle Kinder der „echten“ Igelklasse haben noch eine zweite Sprache, ein anderes Land im Hintergrund, alle haben Migrationserfahrung, sei es direkt, sei es in der Generation ihrer Eltern. Dies ist in vielen Schulen in Deutschland bereits Alltag. Nun hört und liest man viel über die Probleme. Nicht erzählt ist, dass es eine große Zahl an Schulen gibt, bei denen es gut bis blendend läuft. In meiner Igelklasse sprechen alle Kinder Deutsch, oder sie lernen es. Sie begegnen einander mit Respekt, die Lehrerinnen und Lehrer legen großen Wert darauf, dass Jungen und Mädchen gleichbehandelt werden. Es war eine unglaublich bereichernde Erfahrung für mich, so einen schönen Schulalltag zu sehen. Ich habe das verpackt, in eine Reihe hoffentlich unterhaltsamer Geschichten. Ich habe aber auch nicht verschwiegen, dass manche Kinder viel erlebt haben. Artem kommt aus der Ukraine, es dauert ein ganzes Jahr, bis er den ersten Satz sagt. In der Familie von Mariam und Dilan wirkt der Krieg in Syrien nach, Rafi hat Sorge, dass seine Familie nach Kabul zurückgeht. Ich habe versucht, das mit zu erzählen, ohne allzu sehr auf die Tränendrüsen zu drücken. Der Grundton darf heiter sein. In diesem Jahr wurden Sie für „Wir sind (die) Weltklasse“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Was bedeutet Ihnen das? Tanya Lieseke: Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige Staatspreis für Literatur, und er ist ein internationaler Preis, das darf man nicht vergessen, auch Übersetzungen stehen auf der Nominierungsliste. Drüber gibt es nicht mehr viel, vielleicht noch den Hans Christian Andersen Preis. Es ist eine denkbar große Ehrung und die ehrliche Antwort ist: Ich freue mich riesig! Sie arbeiten auch als Journalistin, Kritikerin und Moderatorin und befassen sich da eher mit Themen für Erwachsene – auch mit ernsten und schwierigen. Warum schreiben Sie als Buchautorin mit Schwerpunkt auf Literatur für Kinder? Tanya Lieseke: Ich habe einige Jahre lang im Deutschlandfunk eine Sendung für Kinderliteratur moderiert und mich dabei in das Genre verliebt. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass es mich glücklich macht, mich in Kontakt bringt mit meinem inneren Kind, die Lachfältchen vertieft (über die anderen sehen wir mal hinweg). Nonsense darf sein und alles darf gut enden, was die Idealistin in mir an den Start bringt. Ich will auch, dass Erwachsene sich nicht unter Niveau amüsieren, dass sie das Buch glücklich aus der Hand legen und beschwingt in ihren Tag steppen, vielleicht mal Hallo zu dem nächsten Kind sagen, das ihnen begegnet. Als Leserin und Literaturkritikerin beschäftige ich mich tatsächlich viel mit ernster Literatur und schweren Brocken. Man könnte sagen, dass ich ein Profi bin, der gerne mal schwoofen geht. Der Begriff der Gestaltwandlerin trifft es auch gut. Wie wichtig sind Bücher für Kinder und Jugendliche? Tanya Lieseke: Man kann es nur wiederholen, was man überall hört – Lesen! Lesen!! Lesen! Ich mache mir tatsächlich große Gedanken über schwindende Lesekompetenzen, halte die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft für mehr als bedenklich. Lesen lässt die Synapsen glühen, vertieft unsere Imagination, erhöht unsere soziale Empathie, fördert die Gesundheit, bereichert unser Wissen und - alle gut herhören – ohne Lesekompetenz kann man auch die MINT-Fächer nicht bestehen. Bücher sind für mich der größte Reichtum, den wir Menschen hervorgebracht haben, die Literatur sollte zum immateriellen Weltkulturerbe ernannt werden! Lesend haben wir die Möglichkeit, ohne auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen, in ein anderes Leben, in eine andere Psyche, in eine andere Kultur zu schlüpfen. Jedes Buch, das ich lese, hinterlässt eine zarte Spur in meiner Seele, ich bin danach eine andere. Das darf man den Kindern nicht vorenthalten. Als Literaturjournalistin haben Sie einen guten Überblick, als Leserin und Autorin natürlich ebenfalls: Welches sind Ihre liebsten Kinderbücher aller Zeiten? Tanya Lieseke: Der Weg führt unweigerlich zurück in die eigene Kindheit, da kommen dann die Klassiker vor, Michael Ende, Astrid Lindgren, Janosch, Ursula Wölfel, Erich Kästner, der übrigens sehr erkenntlich Pate gestanden hat bei der Weltklasse 2. Manchmal, wenn ich mich in Stimmung bringen will, lese ich die Bücher von damals, dann werde ich wieder acht oder neun Jahre alt. Heute würde ich Eltern empfehlen, auch Neues zu versuchen. Aus dem angelsächsischen Sprachraum, aus Skandinavien und aus Frankreich kommen viele tolle Bücher, gehen Sie in den Fachhandel und lassen Sie sich beraten. Was halten Sie davon, das Kinder- und Jugendbuchklassiker an den zeitgenössischen Sprachgebrauch angepasst werden? Tanya Lieseke: Sie spielen auf Rassismen, das N-Wort an? Unbedingt rausnehmen. Allerdings finde ich, das sollte nicht unkommentiert geschehen, man sollte den Kindern erklären, was da früher stand. Von der Weltliteratur heißt es: Hände weg! Ich halte auch nichts von Sensitivity-Readern und der Sorge davor, Minderheiten zu kränken. Als Leserin habe ich immer die Wahl, ein Buch aus der Hand zu legen. Schlimmstenfalls habe ich mich geärgert über einen misogynen Quatsch, dabei fällt mir aber kein Steinchen aus meiner Krone. Ich argumentiere hier sehr liberal, für die Freiheit der Kunst. Sie sagen, dass Ihr zweiter Schreibtisch in Irland steht. Wie kommt das – und: Wie ist es dort zum Beispiel um Literatur für Kinder bestellt? Tanya Lieseke: Ich bin dort nach dem Abitur gelandet, auf einen Sommerjob, und bin nie wieder gegangen. Mittlerweile habe ich den Luxus, dass der Schreibtisch, früher waren es verschiedene in den Häusern meiner Freunde, ein eigener ist. Achtung, sensitivity warning, liebe Leser, bitte gönnen Sie mir das – mit Blick aufs Meer! Dahin gehe ich, wenn ich meine Ruhe haben will. Die Literatur ist zweisprachig, englisch und irisch, es gibt tolle Tiergeschichten und viele Bücher sind sehr witzig. Meine Kinder haben Derek Landys Skulduggery Pleasant verschlungen, aber für einen solchen Hit sollte man wohl keine Werbung machen. Tiefer sind die Bücher von Siobhan Dowd, sie hatte einen guten Zugang zu Kindern in der frühen Pubertät. Zur Person Tanya Louise Lieske, geboren am 3. Juni 1964 in Neunkirchen/Saar, ist Literaturkritikerin, Schriftstellerin, Journalistin und Radiomoderatorin. Sie hat an verschiedenen Orten gelebt, studiert und gearbeitet - in Saarbrücken, Berlin, Köln, Aix-en-Provence und in Galway. Tanya Lieske ist mit einem Iren verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 1997 ist sie unter anderem für den WDR und den Deutschlandfunk tätig. Dort moderiert sie seit 2006 die Sendung Büchermarkt und auch Veranstaltungen in Literaturhäusern, literarischen Festivals und bietet Workshops zum Thema biographisches Schreiben an. Lieske schreibt Essays und Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und arbeitet als Journalistin und Kritikerin für mehrere Zeitschriften und Zeitungen, darunter für Die literarische Welt, das Handelsblatt, Die Zeit und mare. Zum aktuellen Buch Der Höhepunkt des Schuljahrs: Im 3. Band der Reihe von Tanya Lieske und Sybille Hein geht es auf Klassenfahrt. Weltoffen, weltverbindend, weltklasse! Endlich geht es auf Klassenfahrt! Die Begeisterung bei Rafi und seinen Freunden ist groß. Doch nichts läuft wie geplant: Erst hat der Bus eine Panne, dann ist die Jugendherberge besetzt. Kurzerhand ziehen Frau Meister und die Weltklasse in ein altes Schloss um. Dort sorgen nicht nur die elf weißen Mäuse, die die Kinder mitgeschmuggelt haben, für ordentlich Trubel, es scheint auch nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Tassen bewegen sich wie von selbst, Gegenstände verschwinden. Kann es wirklich sein, dass auf dem Dachboden ein Schlossgeist wohnt? Adam, Irina, Kübra und die anderen wollen dem Spuk nachgehen. Am Ende ist es dann aber Rafi, der seinen ganzen Mut zusammennimmt und dafür sorgt, dass alle die beste Schlamassel-Fahrt der Welt erleben.