Detmold. Von Waldorfschulen können sich andere Schulformen eine Scheibe abschneiden. Das ist das Resultat einer Studie von Christian Pfeiffer (81), der ein Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist. Von 2000 bis 2003 war Pfeiffer für die SPD niedersächsischer Justizminister. Die Ergebnisse seiner aktuellen Studie hat er in der Detmolder Waldorfschule am Dienstag vorgestellt. Dort hatte er einen Pre-Test vorgenommen, der über persönliche Kontakte zustande gekommen war. Zwischen November 2023 und März 2024 hatte er mit seinem Team an 31 Waldorfschulen aus fünf Bundesländern eine standardisierte Jugendbefragung durchgeführt. Das Resultat laut Pfeiffer: Das Waldorf-Modell fängt viele Dinge auf, die in Elternhäusern schlecht laufen und sich normalerweise negativ auf die Jugendlichen auswirken würden - ob es Vernachlässigung, Gewalt, Scheidungssituationen oder anderer Stress seien. Die Jugendliche würden sich eher nicht in die Richtungen entwickeln, für die sie ansonsten prädestiniert wären: Gewalt, Drogenkonsum, Rutschen in die rechte Ecke ... Überraschendes Ergebnis „Das hat uns überrascht“, sagte Pfeiffer. An anderen Schulen würde es nicht so laufen. Daher will er mit dem Bundesvorstand der Waldorfschulen darüber sprechen, wie diese Ergebnisse an Kultusministerien gespielt werden könnten, damit andere Schulformen sich das Waldorf-Modell zum Vorbild nehmen. Denn Pfeiffer betont: „Dort wird das umgesetzt, was wir in anderen Studien schon vor Jahren propagiert haben: Lust auf Leben wecken.“ An Waldorfschulen gehe es mehr um Kreativität und weniger um Leistungsdruck. Es gebe viele praktische Unterrichtsphasen mit Theater, Musik, Sport, körperlicher Arbeit und mehr, und das scheine in den Jugendlichen etwas zu wecken, das andere Defizite ausgleiche und ein Abrutschen verhindern könne. Von den 134 angefragten Waldorfschulen beteiligten sich 31 (23 Prozent) mit insgesamt 633 Schülerinnen und Schülern aus 10. Klassen an der Studie. Auffallend sei gewesen, dass ihre Eltern „über ein deutlich höheres Bildungsniveau verfügen und seltener von staatlichen Transferleistungen abhängig sind“, so die Studie. Was nicht viel heißen wolle, und auch das habe überrascht: Zwar hätten die Jugendlichen fast durchweg eine „hohe elterliche Zuwendung“ angegeben. 39 Prozent benannten aber auch klare Beispiele elterlicher Vernachlässigung. „Züchtigung“ bei jedem Zweiten Ferner hätten 46 Prozent der Befragten aus Waldorfschulen in der Kindheit Züchtigungen von ihren Eltern erfahren, 24 Prozent in den letzten zwölf Monaten. „Körperliche Züchtigung“, wiederholte Pfeiffer, „und das heute noch.“ Weibliche Befragte hätten zu zwei Drittel von psychischer Belastung berichtet und 27 Prozent sogar von gelegentlichen oder häufigen Selbstmordgedanken. Die Vergleichsquoten der männlichen Befragten lagen erheblich niedriger. Klar sei: Elterliche Gewalt und Vernachlässigung sowie familiärer Stress wirkten sich auf Schulleistungen sowie das Sozialverhalten und persönliche Befindlichkeit sehr belastend aus. Es sei zu erwarten gewesen, dass die Jugendlichen an Waldorfschulen zumindest teilweise durch höhere Gewaltraten, Leistungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten auffallen würden. Das sei aber nicht so gewesen. Der Grund laut Pfeiffer: Waldorfschulen strebten zum Beispiel an, den Jugendlichen in vielfacher Hinsicht Aktionsfelder anzubieten, die von anderen Schulen seltener und teilweise auch gar nicht ermöglicht würden - gärtnerische Tätigkeiten, Theaterspielen, das Erlernen eines Musikinstruments oder auch von handwerklichen Fähigkeiten. Derartige Angebote entsprächen generellen Präventionskonzepten, die als pädagogische Antwort auf aktuelle Krisen Jugendlicher empfohlen würden. Kreativität statt Druck Je stärker es Waldorfschulen gelinge, die Jugendlichen für eine intensive Nutzung der Aktionsbereiche zu motivieren, umso seltener berichteten sie von psychischen Belastungen, umso weniger haben sie die Schule geschwänzt und umso besser fallen ihre Noten aus. Der Befund zeige außerdem: In Sachen Kriminalität liege die Quote an Waldorfschulen deutlich niedriger als in anderen Schulformen. Das ist laut Pfeiffer Beleg dafür, dass Waldorfschulen mit ihrem pädagogischen Programm Jugendgewalt entgegenwirkten. Das bestätige sich auch bei der Betrachtung der sozialen Integration der Jugendlichen für ihr schulisches und soziales Verhalten. Je stärker die soziale Integration ausgeprägt sei, umso seltener berichteten die Jugendlichen von Cannabiskonsum, Ladendiebstahl, Schuleschwänzen oder eigenen Gewalttaten.