Detmold. Auch viele Lipper haben beim letzten Eurovision Song Contest in Basel am TV zugesehen. Für den Live-Sound dort hatte Carsten Kümmel den Hut auf, der neuer Professor in Detmold am Erich-Thienhaus-Institut der Hochschule für Musik für den Bereich „Musikübertragung Pop“ ist. Kümmel gilt als einer der führenden Tonmeister in Deutschland, was dieses Thema angeht. 2002 hat er seinen Abschluss in Detmold gemacht. Seine Referenzen für den Live-Sound bei Konzerten reichen über Elton John, Robin Gibb, die ESCs, Marianne Faithful, die No Angels, DJ Bobo, BAP, B.B. King, Till Brönner, Status Quo und viele mehr bis zu The world of Hans Zimmer, Anna Netrebko, Anne-Sophie Mutter, Sir Anthony Hopkins, Deutsches Filmorchester Babelsberg, Placido Domingo, Royal Philharmonic Orchestra, Schleswig Holstein Musik Festival oder Montserat Caballé und weitere – das ist mal eine Bandbreite. „Das ist das Schöne an dem Beruf“, sagt Kümmel. Bei einem klassischen Orchester sei es wichtig, es so abzubilden, wie es klingt. Im Pop-Rock-Bereich hingegen wolle niemand in einem Stadion ein Schlagzeug so hören, wie sich ein Schlagzeug ursprünglich anhört. Weltweit in Konzertsälen Dazu kommt bei Kümmel das Lehren. Der Tonmeister hatte schon seit 2007 Lehraufträge, war seit 2014 Professor in Darmstadt und tingelt parallel die ganze Zeit über weltweit durch die Arenen und Konzertsäle, um dort für den guten Ton zu sorgen. „Das hilft auch den Studierenden“, erklärt er – denn in der Branche ist das Netzwerken wichtig und der Kontakt zur Industrie. Kümmel hat beste Kontakte zu den großen Firmen und Herstellern. Da weiß man aus der Praxis, was jeweils Stand der Technik ist, und er kann Praktika vermitteln, Kontakte für Bachelor-Arbeiten und mehr – auch Jobs. Davon gibt es im Livemusik-Geschäft aktuell jede Menge. „Die großen Firmen“, beschreibt Kümmel, „suchen vielfach händeringend Personal.“ Denn die Branche boomt seit Jahren. Kümmel weiß: „Früher haben Bands und ein Einzelkünstler eine CD gemacht und Konzerte gespielt, um diese zu promoten. Heute fällt das mit den CDs ja weg, und sie spielen Konzerte, um Einnahmen zu erzielen, weswegen ja viele alte Gruppen immer noch unterwegs sind.“ Mit dem Sounddesign, Mischpulten, Schiebe- und Drehreglern sowie Lautsprechern hat der heute 51-Jährige schon seit den Neunzigern zu tun und somit seine Leidenschaft und sein Hobby zum Beruf gemacht. Seither hat sich viel getan – nicht nur in der Technik. „In den Neunzigern“, sagt Kümmel, „war die gesamte Lebensart noch sehr Rock’n’Roll. Es gab viele Selbstständige. Das hat sich aber massiv gewandelt. Heute ist alles hochprofessionell, es gibt viele Firmen mit vielen Angestellten.“ Auch technisch hat sich die Branche durch den Wandel vom Analogen zum Digitalen extrem verändert und ist sehr viel komplexer geworden – aber auch qualitativ besser. Früher habe man zig Tonnen an riesigen Boxen und gigantische Verstärkertürme aufstellen müssen, damit man Bon Jovi 50 Meter weit höre. Heute reiche sehr viel weniger, um eine Rockband 200 Meter weit erfahrbar zu machen. „Dadurch wiederum sind die Ansprüche gestiegen“, sagt Kümmel, „denn der Live-Sound hat heute quasi CD-Niveau, und das erwarten Zuhörer, Künstler und Veranstalter natürlich.“ Breite Ausbildung Dass er eine so breite Palette an Konzerten mischen kann, von der Klassik bis zum großen Rock Event oder einem kleinen Jazz-Ensemble, liege an der ebenfalls breiten Ausbildung in Detmold am Erich-Thienhaus-Institut. Unabhängig davon müsse man sich von Event zu Event neu einstellen. „Zum Beispiel kann es sein, dass bei einem Konzert mit 8000 Gästen eine Bühne mittig platziert ist und auch dahinter Menschen sitzen und an den Seiten“, erklärt er. Und da müsse dafür gesorgt sein, dass jeder gut hört. Bei Musicals wiederum gebe es das Tour-Geschäft oder auch fest installierte, wo man mit der vorhandenen Technik arbeite. Beim ESC wiederum – Kümmel hatte, außer dieses Jahr in Basel, auch schon den ESC in Belgrad 2008 und 2017 in Kiew gemacht – arbeite die Veranstalter-Firma fest mit Firmen zusammen und bereite schon alles vor, buche dann auch die Toningenieure. „Beim ESC ist übrigens alle Technik als Backup und Havarie-System doppelt vorhanden – denn es kann ja nicht sein, dass es plötzlich stumm wird, wenn etwas ausfällt.“ Ansonsten bekommt Kümmel einen Auftrag: „Hier und da spielt dieser oder jene Künstler – dann muss ich sehen, was ich dazu benötige und leihe es bei Firmen.“ Soundvorstellungen Dabei kommt es auch oft auf die enge Zusammenarbeit mit dem Künstler und Produzenten an. „Im Pop geht es immer um gewisse Klangvorstellungen“ - und deswegen auch darauf, eine möglichst gemeinsame Soundvorstellung zu entwickeln beziehungsweise die Vorgaben genau umzusetzen. Mit Hollywood-Komponist Hans Zimmer („Dune“, „Top Gun: Maverick“, „Rain Man“, „Piraten der Karibik“ und viele mehr) sei diese Zusammenarbeit zum Beispiel sehr eng gewesen – sowie mit Band, Chor, und Sinfonieorchester recht aufwendig. Robin Gibb (Bee Gees), den Kümmel einige Jahre lang gemischt hat, war wiederum distanziert, und mit Till Brönner sei aktuell die Zusammenarbeit schon freundschaftlich und reiche auch ins Private hinein. Und wird die KI künftig die Menschen am Mischpult ablösen? Noch nicht, aber: „Die KI ist dennoch längst in der Musikproduktion angekommen“, beschreibt Kümmel. Man werde sehen, wohin das im Live-Bereich noch führt, aber grundsätzlich sei es wichtig, den Studierenden zu vermitteln, was da passiert. Es reiche nicht aus, eine KI einfach einen Saal einmessen und den Sound machen zu lassen. Man müsse schon wissen, was geschieht und es deuten können, um Equalizer, Delays oder was auch immer zu korrigieren oder anders einzugreifen.