Zaunpfähle des KZ geleiteten in die Hölle

Martin Hostert

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Die Erinnerung macht betroffen: Adolf Nagel betrachtet Fotos und Plan des Vernichtungslagers. - © Bernhard Preuß
Die Erinnerung macht betroffen: Adolf Nagel betrachtet Fotos und Plan des Vernichtungslagers. (© Bernhard Preuß)

Horn-Bad Meinberg. In diesen Tagen stehen die Überlebenden von Auschwitz stark im Fokus. Menschen, die die Hölle überlebt haben und vor Gericht ihre Biografien schildern. Eine ganz andere Auschwitz-Geschichte handelt von einem deutschen Techniker, der an einem kalten Novembertag im Jahr 2000 die Überreste von Zaunpfählen und Gaskammern in Birkenau untersucht hat und einen der Pfähle nach Lippe transportierte: Adolf Nagel.

Die Geschichte geht so: In seinem Berufsleben war Nagel viel für Schomburg im beratenden Außendienst tätig. Aufträge des Detmolder Unternehmens für Spezialbaustoffe führten ihn ins Baltikum, in die Tschechei, nach Polen und in andere Länder Osteuropas. Nun also sollte es nach Auschwitz-Birkenau gehen, es war Schomburg-Fachwissen gefragt. Der Holzhausen-Externsteiner sollte Vorschläge ausarbeiten, wie Anlagen des früheren KZs instand gesetzt werden könnten.

Ein Auftrag wie kein zweiter: „Mein erster Besuch dort in Birkenau hat sich tief bei mir eingeprägt“, sagt der 73-Jährige. Wie tief, sei ihm bei der Betrachtung der LZ-Sonderseite zum Auschwitz-Prozess klar geworden, als er die dort abgedruckten Lagerpläne betrachtete. „Da ist alles wieder hochgekommen. Überall sehe ich diese Zaunpfähle, zum Teil noch mit den Lampen dran. Habe diesen unter Starkstrom stehenden Stacheldraht vor Augen, sehe die Baracken. Da fehlen die Worte.“ Nagel, jetzt ganz Techniker, hat das Berliner Olympiastadion vor Augen, in das einst 100.000 Zuschauer passten. „Und hier, in Birkenau, sind 1,6 Millionen Menschen hingerichtet worden.“ Eine Zahl, bei der sein rationales Denken aussetzt, die er nicht begreifen kann. „Ich habe alleine auf dieser 500 Meter langen Rampe gestanden, mit Blick auf eine Fläche, so groß wie 15 Fußballfelder.“

Adolf Nagel zeigt mit ruhiger Hand, einen Stift in den Fingern, auf die Auschwitz-Karte, hält dann seine Dias von dort gegen das Licht. „Ich sehe jeden einzelnen Zaunpfahl als Mahnmal für die hier Vergasten, somit 4000 Menschen je Pfahl.“ Eine Zahl, die in jenem November im Jahr 2000 mögliche Sanierungsmethoden, pH-Werte des Betons und ähnliches in den Hintergrund drängt und Adolf Nagel tief erschüttert.

Mit schrecklichen Gedanken macht er sich an die Untersuchung der Pfähle, inspiziert die gesprengten Gaskammern. Denn der Schomburg-Experte muss wieder in den Techniker-Modus umschalten. „Wir waren von unseren Aufraggebern gebeten worden, an einem Pfahl exemplarisch unsere Vorschläge darzustellen. Wir durften dafür einen Pfahl im Block ,Mexiko’ entnehmen.“ Mit einem Bolzenschneider zerteilt Nagel die Stahlarmierung des Pfostens, lädt diesen gemeinsam mit einem polnischen Kollegen auf den Lastwagen. „Dabei sind wir beobachtet und aufs Übelste als Souvenirjäger beschimpft worden“, erinnert sich Nagel. Es habe gedauert, den Menschen klar machen zu können, worum es gegangen sei.

Und schließlich geht es zurück nach Deutschland. Hier wird der Pfahl bei Schomburg wieder hergerichtet und ein Exposé erstellt. Was schließlich aus dem Auftrag geworden ist, weiß Nagel nicht. „Ich glaube, da ist nicht allzu viel gemacht geworden.“ Doch das spielt für ihn heute keine Rolle mehr, hat es vielleicht nie gespielt.

In diesen Tagen stehen die Überlebenden von Auschwitz im Fokus, und Nagel sieht jeden einzelnen Zaunpfahl in deren Hölle.

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