Richterin Anke Grudda übernimmt SS-Prozess

Silke Buhrmester

  • 3
Richterin Anke Grudda. - © Foto: Wolff
Richterin Anke Grudda. (© Foto: Wolff)

Detmold. Im Vorfeld des Auschwitz-Verfahrens hat es erneut eine Änderung in der Prozessführung gegeben. Nachdem auch der zweite Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer erkrankt ist, werde nun Anke Grudda das Verfahren führen, teilte das Landgericht am Donnerstag mit.

Die bisherige Gerichtssprecherin war bereits von Anfang an als Beisitzerin im Prozess gegen den ehemaligen KZ-Aufseher aus Lage vorgesehen. Zur neuen Pressedezernentin war deshalb Gruddas Kollegin Dr. Anneli Neumann ernannt worden. Nicht nur Pressevertreter aus der ganzen Welt sind an dem Verfahren interessiert: „Etwa die Hälfte der Anrufer sind Lehrer, Schüler oder Bürger, die an dem Prozess teilnehmen oder mehr Informationen haben möchten", so die 34-Jährige.

Welche 60 Zuschauer einen Platz im großen Sitzungssaal der Industrie- und Handelskammer Lippe zu Detmold, in den der Prozess wegen des größeren Platzangebotes ausgelagert wurde, erhält, darauf hat Anneli Neumann keinen Einfluss. Der Prozess beginnt am 11. Februar um 10 Uhr, eineinhalb Stunden vorher öffnet das Gebäude. Die Zuschauer werden der Reihe nach eingelassen. Einen Tagesausweis bekommt jedoch nur, wer sich ausweisen kann. Taschen, elektronische Geräte wie Handys oder Tablets und gefährliche Gegenstände – auch Feuerzeuge – sind nicht erlaubt.

Gegen den 94-jährigen Reinhold H. wird wegen des Vorwurfs der 170.000-fachen Beihilfe zum Mord im Kozentrationslager Auschwitz verhandelt. Der Angeklagte ist für zwei Stunden pro Tag verhandlungsfähig. Als erste Zeugen werden Donnerstag und Freitag drei Holocaust-Überlebende gehört.

Wir dürfen uns nichts ersparen
Ein Kommentar von Silke Buhrmester

Wenn der Prozess gegen den ehemaligen KZ-Aufseher Reinhold H. am Donnerstag beginnt, nimmt auf der Anklagebank ein alter Mann Platz. Ein Greis, 94 Jahre alt, der gerade einmal zwei Stunden am Tag verhandlungsfähig ist. Und es ist davon auszugehen, dass Reinhold H., sollte das Landgericht Detmold ihn nach einem langwierigen Prozess am Ende schuldig sprechen und eine Haftstrafe verhängen, niemals ins Gefängnis gehen wird.

Wahrscheinlich ist, dass das Verfahren sich über Jahre hinziehen wird und der Angeklagte den Abschluss selbst vermutlich nicht mehr erlebt – siehe den Fall Demjanjuk.Doch daraus abzuleiten, dass sich die deutsche Justiz das kostspielige Verfahren – unter anderem mit rund 40 Nebenklägern und deren zwölf Anwälten aus der ganzen Welt – besser „sparen" sollte, ist grundlegend falsch. Wir dürfen uns diesen Prozess nicht sparen, und wir dürfen uns und dem Angeklagten erst recht kein noch so grausames Detail dieses Massenmordes ersparen.

Der Prozess kommt 71 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz um Jahrzehnte zu spät, das ist richtig. Es gibt Gründe, warum das so ist. Sie lassen die deutschen Ermittlungsbehörden im Nachkriegsdeutschland nicht in einem guten Licht erscheinen. Doch das spielt jetzt keine Rolle. Jetzt geht es darum, ein wichtiges Zeichen zu setzen. Es ist ein Zeichen für die Holocaust-Überlebenden und die Angehörigen der Millionen Opfer. Auch für die Nebenkläger, von denen einige, ebenfalls sehr betagt, in den Zeugenstand treten werden, wird das Verfahren eine Tortur werden. Und dennoch nehmen sie diese auf sich, um ihr ganz persönliches Schicksal aufzuarbeiten und die Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Wer Mitleid mit angeklagten, ehemaligen KZ-Aufsehern auf Grund ihres mittlerweile hohen Alters einfordert, der verkennt, dass diese Menschen anderen so viel Leid zugefügt haben. Es ist gut, dass Mord – auch Beihilfe – nicht verjährt. Und selbst wenn Reinhold H. nur ein kleines Rädchen in dem großen Nazi-Apparat war und nicht selbst gemordet hat: Hätten er und all die anderen kleinen Rädchen nicht funktioniert und ineinander gegriffen, wäre die Mordmaschinerie ins Stocken geraten. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren", sagte Richard von Weizsäcker einmal. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte wichtig. Solange Täter zu ermitteln sind, müssen diese juristisch zur Verantwortung gezogen werden.

sbuhrmester@lz.de

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2020
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

3 Kommentare
3 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!