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Meine Geschichte mit der LZ

Begegnung mit den Holocaust-Opfern

Kreis Lippe. Am 17. Juni 2016 wird der damals 94-jährige Lagenser Reinhold Hanning vom Landgericht Detmold zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen im Konzentrationslager Auschwitz verurteilt. Vorausgegangen ist dieser Schlagzeile, die eine schier unfassbare Zahl an Ermordeten beinhaltet, ein viereinhalbmonatiger Prozess, 20 Tage zwischen dem 11. Februar und dem 17. Juni 2016, die berührten und aufwühlten.

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„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache", hat Hans-Joachim Friedrichs mal gesagt. Das habe ich nicht getan. Dennoch war die Situation herausragend: 57 Überlebende oder ihre Angehörigen traten als Nebenkläger in dem Prozess auf, elf von ihnen schilderten dem Gericht ihr persönliches Schicksal in grausamen Details. Das konnte niemanden kalt lassen, nicht die Journalisten und nicht die Zuhörer.

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Ich wollte mit den Überlebenden am Rande des Prozesses ins Gespräch kommen, wollte die womöglich letzte Chance nutzen, ihre Lebensgeschichte der Nachwelt zu erhalten. Doch wie würden sie sich gegenüber einer deutschen Journalistin verhalten? Und wie sollte ich mich verhalten? Noch nie hatte ich so starke Berührungsängste.

Völlig zu Unrecht, wie sich herausstellte. Jede einzelne Begegnung, jedes persönliche Gespräch verlief offen und vertrauensvoll.

Der Angeklagte Reinhold Hanning, ein einfacher Mann, nach dem Krieg Milchwagenfahrer und später Besitzer eines kleinen Milchgeschäftes, schwieg die meiste Zeit zu den Vorwürfen. Er vermied es, die Opfer anzuschauen und zeigte keine Regung. Der Senior aus Lage mit seinem schlohweißen Haar hatte nichts mehr von einem flotten Soldaten in schneidiger SS-Uniform – kein Monster, ein alter Mann, wie man sie täglich auf der Straße sieht.

Wer von ihnen trägt in sich eine so dunkle Vergangenheit, ohne jemals darüber gesprochen zu haben? Diese Frage stelle ich mir seither immer wieder. Die Bilder von Auschwitz – selbst besuchte ich den Gedenkstätte für drei Tage im Mai 2016 – sie lassen mich nicht mehr los. Sie sind Erinnerung und Mahnung in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer weiter nach rechts rückt.

Der Holocaust darf niemals vergessen werden.

Zum Herunterladen
  1. Auschwitz-Prozess - Ein Überblick
  2. Auschwitz-Prozess - Erster Prozesstag
  3. Auschwitz-Prozess - Das Urteil
  4. Auschwitz-Prozess - Verteidiger fordern Freispruch
  5. Auschwitz-Prozess - Hohe Kosten für SS-Mann

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