Schwerer Verdacht gegen Ermittler im Missbrauchsfall Lügde

Lothar Schmalen, Erol Kamisli und Janet König

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Neuer Verdacht: Gegen einen bei der Polizei in Bad Salzuflen beschäftigten Kriminalbeamten läuft eine Strafanzeige wegen Strafvereitelung im Amt. Der Beamte ist derzeit nicht im Dienst und muss sich zudem einem Disziplinarverfahren stellen. - © Thomas Reineke
Neuer Verdacht: Gegen einen bei der Polizei in Bad Salzuflen beschäftigten Kriminalbeamten läuft eine Strafanzeige wegen Strafvereitelung im Amt. Der Beamte ist derzeit nicht im Dienst und muss sich zudem einem Disziplinarverfahren stellen. (© Thomas Reineke)

Düsseldorf/Detmold. Die skandalösen Vorgänge rund um den schwersten Fall von Kindesmissbrauch in der NRW-Geschichte scheinen ein Fass ohne Boden zu sein. Inzwischen hat der neue vom Land eingesetzte Kripo-Chef in Detmold, Matthias Brand, Strafanzeige gegen den zeitweiligen Leiter der Ermittlungskommission „Camping" der Polizei Lippe, die zunächst die Ermittlungen im Fall Lügde führte, erstattet. Vorwurf: Strafvereitelung in einem anderen Sexualstrafverfahren und Siegelbruch in zwei weiteren Ermittlungsverfahren.

Alle drei Strafverfahren wurden von dem Beamten geführt, in allen drei Verfahren sind Beweismittel verschwunden. In dem Sexualstrafverfahren – Opfer ist eine erwachsene Frau – sind die verschwundenen Beweismittel so wichtig, dass unter Umständen ein Tatnachweis nicht mehr zu führen sei, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul jetzt im Landtag.

Der Vorgang ist umso schwerwiegender, als der Beamte auch den Kommissariatsanwärter betreut hat, der die 155 Datenträger im Kindesmissbrauchsfall von Lügde gesichtet hat und die nun ebenfalls verschwunden sind. In diesem Fall hat die Detmolder Staatsanwaltschaft inzwischen Ermittlungen wegen Diebstahlsverdacht gegen Unbekannt eingeleitet. Offenbar glaubt nun auch in Detmold niemand mehr, dass die CDs nur „verlegt" worden sind.

Die Zahl der Opfer vom Campingplatz in Lügde steigt weiter. Inzwischen wird nicht mehr ausgeschlossen, dass es 50 oder noch mehr sind. Nach Angaben von Innenminister Reul gelten 34 Opfer als sicher. Bei weiteren 14 Kindern besteht ein Verdacht – „Tendenz weiter steigend", wie Reul anmerkte. Insgesamt handele es sich um 34 weibliche und 14 männliche Personen. Alle würden im Rahmen des Opferschutzes betreut.

60 Polizeibeamte arbeiten fieberhaft an den Ermittlungen. Fast 3,3 Millionen Bilddateien und mehr als 86.000 Videodateien müssen ausgewertet werden. Damit seien zurzeit 24 IT-Spezialisten der Polizei beschäftigt, so Reul.

Inzwischen gerät auch Innenminister Herbert Reul selbst immer mehr in die Kritik. Vor allem die Grünen werfen ihm vor, das wahre Ausmaß des Falls zu lange ignoriert zu haben. Obwohl spätestens seit dem 11. Januar bekannt gewesen sei, dass es mindestens 30 Opfer gegeben habe, habe das Innenministerium den Fall erst fast drei Wochen später an die Kriminalhauptstelle nach Bielefeld gegeben, sagte Verena Schäffer (Grüne). Bis dahin haben lediglich vier, später acht Beamte in Lippe an den Ermittlungen gearbeitet.

Kein Ende des Polizeiskandals in Sicht

Kreis Lippe/Düsseldorf. Es scheint traurige Gewohnheit zu werden. Innenminister Herbert Reul hat weitere schockierende Details im Skandal um den tausendfachen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz „Eichwald" in Elbrinxen bekanntgegeben. Die Zahl der Opfer ist auf mindestens 34 gestiegen, gegen einen lippischen Polizisten, der zwischenzeitlich die Ermittlungskommission „Camping" geleitet hatte, besteht der Verdacht auf Strafvereitelung. Und damit sind noch nicht alle Entwicklungen und Versäumnisse abgedeckt.

Ein Überblick

Aus dem Bericht im NRW-Innenausschuss: Bis zuletzt gab es Hoffnung, der verschwundene Koffer mit den 155 Datenträgern sei aus „Schlamperei" abhanden gekommen. Doch Sonderermittler Ingo Wünsch kommt in seinem Bericht zu dem Schluss, dass „strafrechtlich vorwerfbares Handeln" zum Verlust der Asservate geführt hat. Innenminister Herbert Reul sprach sogar davon, jemand habe die Beweismittel „bewusst entfernt". Wie berichtet, hat die Staatsanwaltschaft Detmold deshalb am 6. März ein Strafverfahren gegen Unbekannt wegen Diebstahls eingeleitet.

Die Aktenführung: Weshalb wurde ein weiterer Wohnwagen des Hauptverdächtigen Andreas V. erst am 5. März auf dem Lügder Campingplatz durchsucht? Der Grund soll in der „mangelhaften" Aktenführung der Kreispolizeibehörde Lippe gelegen haben, betonte Reul. Demnach sei die Durchsuchung zu einem früheren Zeitpunkt nicht möglich gewesen. Nach der Übernahme der Ermittlungen am 31. Januar durch die Bielefelder Polizei sei „eine 3000 Seiten starke, unstrukturierte Akte" aus Lippe übergeben worden.

Weiterer Tatort: Einer der Beschuldigten soll in seiner Vernehmung Hinweise auf eine weitere tatrelevante Parzelle auf dem Campingplatz gegeben haben, teilte Minister Reul in Düsseldorf mit. Die Ermittlungen über den Inhaber und die Historie des Stellplatzes dauern an.

Polizisten krank: Die Ermittlungen im Missbrauchsskandals sind auch für die Polizisten belastend. Im Februar habe es in der Kreispolizeibehörde Lippe drei krankheitsbedingte Ausfälle gegeben, die direkt mit der Aufdeckung des Falls zu tun hätten – dies ist die Antwort von Minister Reul auf eine Anfrage der Bündnisgrünen. Ein betroffener Beamter sei wieder im Dienst, zwei weitere Polizisten seien noch krank.

Entwicklungen in Lippe: Dass die Fehler der Polizei große Auswirkungen auf das Strafverfahren im Juni am Detmolder Landgericht haben könnten, bestätigt Oberstaatsanwalt Ralf Vetter nicht. „Die sichergestellten Daten sind im Prozess nicht die Hauptbeweismittel. Es sind die Zeugenaussagen, die wir inzwischen vorliegen haben. Ich gehe fest davon aus, dass die vorhandenen Beweismittel für eine Verurteilung ausreichen", sagte Vetter.

Die Verteidiger: Auch Rechtsanwalt Johannes Salmen, der den Hauptverdächtigen Andreas V. vertritt, stimmt dem Oberstaatsanwalt zu. „Wichtiger sind im meinen Augen die Zeugenaussagen. Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Opfer noch steigen wird", sagte Salmen. Sein Mandant sei geistig topfit und wisse um die Tragweite der Vorwürfe. „Wir reden wöchentlich über all die Fälle und warten händeringend auf die Anklageschrift", so Salmen.

Seine Kollege Jann Popkes, der den 48-jährigen Beschuldigten Heiko V. aus Stade vertritt, kündigte an, dass sein Mandant ein Geständnis im Prozess ablegen werde, um den Opfern eine Aussage zu ersparen. Rechtsanwalt Jürgen Bogner aus Blomberg verteidigt den 34-jährigen Mario S. Er will in Kürze ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Täter führen, um die Prozesstaktik zu besprechen. Dann werde sich erst zeigen, ob sich der 
34-Jährige aus Steinheim gegenüber der Polizei zu den Missbrauchs-Vorwürfen äußern werde.

Die Polizeigewerkschaft: Überrascht von den neuesten Entwicklungen und den Vorwürfen gegen seinen Kollegen in Bad Salzuflen zeigt sich Michael Kling von der Polizei-Gewerkschaft (GdP) in Ostwestfalen-Lippe: „Es sieht natürlich nicht schön aus, dass einem Kollegen Strafvereitelung in einem Sexualverdachtsfall und Siegelbruch vorgeworfen wird." Doch wenn der Kollege etwas verschuldet habe, müsse er dafür die Verantwortung tragen.

„Aber auch für ihn gilt erst mal die Unschuldsvermutung", so der Dienstgruppenleiter aus Detmold. Gegen den beschuldigten Beamten aus Bad Salzufen, der drei Wochen die Ermittlungskommission im Fall Lügde leitete, sei eine vorläufige Dienstenthebung veranlasst und ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Diese und viele andere Punkte können die Polizisten in Lippe bald persönlich mit Innenminister Reul besprechen. „Unsere Einladung hat er angenommen, wir warten jetzt auf einen Termin", so Kling.

Information

17 Sexualstraftäter bei der Polizei

Bei der NRW-Polizei gab es nach Angaben von Innenminister Reul bislang 17 Fälle von Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie. Nur einer der betroffenen Beamten ist noch im Dienst – in Lippe. Mit dem Fall Lügde hatte er allerdings nichts zu tun.

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