Kreis Lippe. Er hat sie gefilmt. Dort, wo sie sich sicher fühlten. Zehn Frauen sind im Jahr 2022 über mehrere Tage in der Umkleide eines lippischen Sportvereins heimlich aufgenommen worden. Von den Nacktbildern erstellte der Täter teilweise Screenshots mit Fokus auf intime Körperstellen. Der Verantwortliche, ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins, wurde im Februar zu einer Geldstrafe verurteilt. Für einige der betroffenen Frauen ist das Kapitel längst nicht abgeschlossen. Denn obwohl der Vorfall bereits ein paar Jahre zurückliegt, lässt er sich nicht so leicht abschütteln. „Da ist immer noch eine unfassbare Wut“, sagt Sandra Plesser, die selbst betroffen ist. „Ich kann sie kaum in Worte fassen.“ Die 50-Jährige zählt zu den acht Opfern, die die Ermittler mithilfe des Vereins identifizieren konnte. Plesser wirkt am Telefon selbstbewusst. Nur in ganz wenigen Momenten bricht ihre Stimme hörbar. Dann kommt die Wut wieder hoch. Auf den Täter, der das Vertrauen missbrauchte. Auf das Urteil, das den Betroffenen viel zu milde erscheint. „Das Thema wühlt mich immer noch auf“, sagt sie. Belastend sei für die Frauen vor allem die Unsicherheit darüber, ob nicht doch einzelne, intime Aufnahmen im Internet gelandet sein könnten. Auch wenn die Polizei nach intensiven Ermittlungen keine Hinweise darauf gefunden hat, sei es schwer, diesen Gedanken abzuschütteln. „Kein Kavaliersdelikt“ - Drei Frauen brechen Schweigen Damit ist Plesser nicht allein. Mehrere der gefilmten Frauen haben sich daher nach Prozessende zusammengetan. Jede verarbeitet das Geschehene anders, sagt sie. Manche belaste es psychisch sehr, andere kämen mit der Situation besser klar. Bei allen spielten die Aufnahmen aber noch in den Köpfen eine Rolle. Neben Sandra Plesser sind zwei weitere Frauen bereit, darüber zu sprechen, was der Fall mit ihnen gemacht hat - und welches Gefühl geblieben ist. Sie wollen ein Bewusstsein schaffen, übergriffiges Verhalten ernstzunehmen. Dieser tiefe Eingriff in die Privatsphäre sei kein Kavaliersdelikt gewesen, er wirke nach. Bis heute ist die Identität von zwei Frauen auf den Filmaufnahmen aus der Frauenumkleide nicht geklärt. Der eigentliche Vorfall liegt schon ein paar Jahre zurück: Nur zufällig entdeckt eine Betroffene im November 2022 die laufende Kamera. Der im Verein etablierte Täter hatte sie in einer Sporttasche versteckt und in der Umkleidekabine aufgehängt. Noch am selben Tag nimmt die Polizei die Ermittlungen auf. Schnell führen sie zum Verdächtigen. Der Verein gibt sich daraufhin Mühe, seine Mitglieder transparent über den Stand des Verfahrens zu informieren. Obwohl der Name des Tatverdächtigen damals nicht offiziell genannt wird, spricht sich der Verdacht schnell rum, berichten die Frauen. Erst im Verein, dann in der ganzen Stadt. Intern sollen die Vorwürfe ein Schock gewesen sein. Die einen spielen die Taten herunter, nehmen den Täter in Schutz, andere haben für die „Aktion“ kein Verständnis. Knapp zweieinhalb Jahre dauert es, bis es Anfang Februar 2025 zum Prozess vor dem Amtsgericht Lemgo kommt. Später Schock Das Warten zerrt an den Nerven aller Beteiligten. Eine Betroffene, die aus beruflichen Gründen anonym bleiben möchte, hat erst vergangenen Sommer erfahren, dass sie zu den Opfern zählt. Da war der Vorfall schon Jahre bekannt. „Ich war mir die ganze Zeit sicher, dass ich nicht auf den Aufnahmen gewesen bin“, sagt die 39-Jährige. Das sei ein Trugschluss gewesen. Die Polizei hatte die verpixelten Bilder mithilfe des Vereinsvorstands identifiziert. Das habe gedauert. „Es war ein echter Schock.“ Wie es ihr heute damit geht? „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ich kenne die Bilder selbst ja gar nicht.“ Seitdem die Existenz der heimlich gefilmten Nacktaufnahmen bekannt ist, schwinge für die 39-Jährige eine Unsicherheit im Alltag mit. „Ich habe mich im Freibad schon mehrfach umgeguckt.“ Dass sie jemand einfach so intime Grenzen überschritten habe, mache etwas mit dem Grundvertrauen. Das Urteil hält sie daher für viel zu milde. Gerade weil Datenschutz und das Recht am eigenen Bild im Alltag streng reglementiert würden. Das drehe sich oft schon um ganz normale Fotos, sagt die 39-Jährige, sie selbst sei dagegen in einem geschützten Raum unwissentlich nackt aufgenommen worden. „Das spukt mir noch oft im Kopf herum.“ Gericht nimmt Angeklagten das Motiv nicht ab Beim Prozess wiederholt der Mann vor Gericht das, was er auch schon im Ermittlungsverfahren angegeben hat. Er habe mit der Kamera nur herausfinden wollen, wer das Waschbecken in der Frauenumkleide verschmutzt. Das eigentliche Geständnis nimmt die Vorsitzende Richterin hin, die Motivation glaubt sie ihm allerdings nicht. Die Erklärung passe nicht zu den Screenshots, die die Polizei gefunden hat. Der Fokus der Bilder liegt dort deutlich auf weiblichen Geschlechtsmerkmalen, erklärt die Richterin. Außerdem sei das Objektiv gar nicht auf das Waschbecken gerichtet gewesen. Wer im Zuschauerraum sitzt, bekommt die Bilder nicht zu sehen. Nach der Beweisaufnahme geht die Vorsitzende von einem sexuellen Motiv aus. Die Motivation hat allerdings keinen Einfluss auf das Strafmaß, betont sie. Der Paragraf 201 a - also die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen - sieht generell eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Für den Mann aus Lippe sieht die Richterin als tat- und schuldangemessen an, insgesamt 2700 Euro (90 Tagessätze á 30 Euro) zu zahlen. Damit gilt er als nicht vorbestraft. Außerdem soll der 50 Jahre alte Mann jeweils 250 Euro an die beiden Verletzten zahlen, die mit dem entsprechenden Passus in der Anzeige einen Strafantrag gestellt hatten - also Schmerzensgeldansprüche bereits im laufenden Strafverfahren und nicht erst gesondert im Zivilprozess geltend machten. Opfer nicht über Rechte aufgeklärt? Dass nicht alle Frauen diesbezüglich beraten worden sind, bezeichnet die Richterin noch in der Sitzung als offensichtliche Kommunikationspanne. Normalerweise kläre die Polizei Opfer über ihre Möglichkeiten auf, dazu zähle auch das Adhäsionsverfahren, heißt es vom Amtsgericht Lemgo. Es gebe passende Informationsflyer mit entsprechendem Antragsformular. Die Polizei selbst kann die Gründe im Nachhinein nicht mit Sicherheit rekonstruieren. Bloß die Frauen, die sich direkt anwaltlich beraten ließen, kannten ihre Rechte. „Man weiß in so einer Situation ja sonst gar nicht, wie einem geschieht“, sagt Plesser. Sie ist eine von ihnen. In diesem konkreten Fall bleiben die Wissenslücken der Betroffenen ohne Nachspiel. Der Täter hat die Summe kurz nach Prozessende - wie angekündigt - freiwillig über den Verein an alle Opfer ausgezahlt. Er wollte selbst endlich abschließen. Inzwischen haben die Betroffenen das Geld - angelehnt an einen Jahresbeitrag des Vereins - erhalten. Die 250 Euro empfinden viele eher als trügerische Symbolik. Ist damit alles getan? Sandra Plesser ist die erste, die nach dem Urteil ein inneres Bedürfnis verspürt, ihre Gedanken öffentlich zu machen. Sie schreibt einen Leserbrief, der in der LZ veröffentlicht wird. Ihre Motivation ist klar: Sie will ihrem Ärger Luft machen, nicht schweigen - und schon gar nicht alles herunterschlucken. Dabei geht es gar nicht allein um die Straftat. „Wir haben uns von der Justiz nicht ernstgenommen gefühlt“, sagt Plesser heute. Lediglich zweimal habe sie Kontakt mit der Polizei gehabt, vom Prozesstermin habe sie bloß zufällig erfahren. Obwohl sie selbst betroffen ist, habe sie sich wie auf dem Abstellgleis gefühlt. Eine andere Betroffene sieht das ähnlich: „Auf die Opfer wurde gar keine Rücksicht genommen.“ Gericht verzichtet auf betroffene Frauen als Zeuginnen Den Frauen fällt es daher besonders schwer, nachzuvollziehen, weshalb das Gericht keine von ihnen als Zeugin hören wollte. Zwar hätten die Frauen selbst nicht dabei helfen können, die Tatvorwürfe aufzuarbeiten. Aber: „Das Gericht hätte sich ja wenigstens einen Eindruck machen können, was das Ganze mit uns gemacht hat“, sagt Plesser. Eine Praxis, die in Lippes Gerichtssälen durchaus üblich ist, um die Konsequenzen der Taten auszuleuchten. Laut Lemgos Amtsgerichtsdirektorin Petra Borgschulte hat die Richterin die Betroffenen nicht als Zeuginnen vernommen, weil sich der Angeklagte geständig eingelassen hatte. Um ein Urteil zu treffen, hätten daher keine Beweise mehr erhoben werden müssen. „Bei der Strafzumessung wurden die Auswirkungen auf die Betroffenen selbstverständlich berücksichtigt, ohne dass es auf Einzelheiten ankam.“ Borgschulte erklärt weiter, aus ihrer persönlichen Sicht sei es verständlich, dass die Geschädigten in dem Verfahren gehört werden wollten, um die Auswirkungen der Tat schildern zu können. „Aus richterlicher Sicht arbeitet man in den Verfahren aber ergebnisorientiert“, sagt sie. Das heißt, die Beweisaufnahme erfolge nur, wenn die Tatvorwürfe herausgearbeitet werden müssen. Anders sei es oftmals, wenn Geschädigte Adhäsionsanträge stellten, dann käme es konkret darauf an, wie sich die Straftaten ausgewirkt hätten. Misstrauen bleibt Die Stimme der Opfer hat in diesem Verfahren dennoch keinen Platz gefunden. Für Sonja Gronemeier, die ebenfalls gefilmt wurde, bleibt das auch Monate nach dem Urteil unverständlich. Sie selbst sagt, sie könne die Vorfälle vielleicht etwas besser wegstecken als andere. „Das mag daran liegen, dass ich etwas älter bin.“ Ganz vergessen kann die Betroffene das Geschehen dennoch nicht. Ein gewisses Misstrauen bleibt, sagt sie. Die betroffenen Frauen sind zwischen Mitte 20 bis knapp 70 Jahre alt. Zunächst sei die Angst groß gewesen, dass auch Kinder auf den Aufnahmen zu sehen sind, sagt Gronemeier. Es heißt, auf einer Szene laufen Kinder durchs Bild, sie sind aber angezogen. Die Polizei hat während der Ermittlungen keine jüngeren Opfer ausgemacht. Das Strafmaß wäre dann höher aufgefallen. Besonders weh habe Sonja Gronemeier und auch den anderen Frauen getan, dass insbesondere Männer die Taten bis heute herunterspielen. „Ist doch nicht schlimm, konnte er zumindest was Schönes sehen”, zählt zu den Sprüchen, die sich Gronemeier habe anhören müssen. Dass jemand mit den heimlichen Nacktaufnahmen jegliche Grenzen der Privatsphäre verletzt habe, hätten manche als harmlosen Fehltritt abgetan. „Es ist schon erstaunlich, wie manche die Situation wahrgenommen haben“, sagt Gronemeier. Sie selbst fühle sich in ihrer eigenen Stadt immer noch nicht wieder uneingeschränkt wohl. „Es ist so klein hier. Man fragt sich immer: Hat noch wer anders diese Bilder gesehen?“ Manche Männersprüche nicht nachvollziehbar Auch der Vorsitzende des betroffenen Sportvereins bestätigt, die Sprüche mancher Männer hätten ihn irritiert. „Bei manchen Aussagen musste ich echt schlucken“, sagt er. Da der Täter sehr etabliert und jahrzehntelang eine große Stütze im Verein gewesen sei, wären die Vorwürfe für alle ein besonderer Schock gewesen. Viele hätten mit ihm gebrochen. Dass wenige die heimlich gemachten Aufnahmen herunterspielten, sehe er als gesellschaftliches Problem an. Der Verein selbst habe nun ein Schutzkonzept für sexualisierte Gewalt in seiner Satzung aufgenommen. „Das zu erarbeiten, ist für uns jetzt oberste Priorität geworden“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Durch ein elektronisches Schließverfahren schränke der Club daneben die Offenheit des Geländes inzwischen ein stückweit ein. Außerdem soll es künftig eine Vertrauensperson geben, die jederzeit bei übergriffigen Verhalten ansprechbar sei. Das Thema sei erst durch die versteckte Kamera in den Fokus gerückt. Im normalen Vereinsleben sei der Fall inzwischen aufgearbeitet. Für die Opfer gilt er dennoch nicht als abgeschlossen. Einige haben daher nun gemeinsam Akteinsicht beantragt. Sie wollen Antworten finden und abwägen, ob ihnen noch andere Möglichkeiten bleiben, vorzugehen. „Das Urteil an sich können wir ja nicht ändern“, sagt Sonja Gronemeier. Dennoch bleibt der Appell an die Justiz, Opfer stärker sichtbar zu machen, sagen die Frauen. In Vergessenheit geraten soll der Vorfall daher nicht. Dafür sei die heimliche Verletzung der Intimsphäre ein viel zu großer Einschnitt in ihr aller Leben gewesen.