Kreis Lippe. Der plötzliche Tod eines Pferdes auf einem Schützenfest in Harsewinkel hat Menschen auch in Lippe bewegt. Mitten auf dem Festplatz brach dort ein Kutschpferd zusammen. Menschen wurden nicht verletzt. Das Unglück aus der Nachbarschaft macht betroffen, wirkt sich aber auf Schützenfeste in Lippe nicht aus. Die Vereine wollen an der Tradition festhalten. Das Kreisveterinäramt behält den Tierschutz weiter im Blick - nach seinen Möglichkeiten. Denn ganz so einfach ist es nicht. Es macht einen Unterschied, ob der Kutscher privat oder gewerbsmäßig unterwegs ist, schreibt der Kreis. „Wenn ein Vereinsmitglied ehrenamtlich bei einem Schützenfest mit eigenen Pferden seine Kutsche fahren will, muss derjenige laut Gesetzgebung keine tierschutzrechtliche Erlaubnis vorweisen“, teilt Kreis-Pressesprecher Patrick Bockwinkel auf Anfrage mit. Wer ist zuständig? Für einen ehrenamtlichen Kutscher ist die Straßenverkehrsbehörde des Kreises Lippe vor Umzügen zuständig, heißt es. Die fragt den Zustand der Kutsche sowie die Sachkunde per Selbstauskunft ab und fordert eine gültige Versicherung ein. Wer dagegen gewerblich Kutsche fährt, muss eine über das Veterinäramt beantragte Erlaubnis nach Paragraf 11 des Tierschutzgesetzes vorlegen. Die Kreisveterinäre prüften, ob die Tiere verhaltensgerecht untergebracht sind. Neben dem ordnungsgemäßen Anspannen und Fahren müsse das Equipment tierschutzgerecht sein. „Sofern also Management, Sachkunde, Handling und Equipment passen, kann man auch davon ausgehen, dass diese Gespanne zumindest die Voraussetzungen besitzen, in der Öffentlichkeit Kutschfahrten als Dienstleistung mit größtmöglicher Sicherheit für Mensch und Pferd anzubieten“, schreibt der Kreis. Pferde müssen sich eignen Für den Kutschfahrbetrieb spielten auch die „Leitlinien zum Einsatz von Pferden im Brauchtum“ eine wichtige Rolle. Denn: „Pferde, die bei Festumzügen eingesetzt werden, sind einer Reihe von außergewöhnlichen Umweltreizen ausgesetzt, die bei dem ,Fluchttier’ Pferd zu einer tierschutz- und sicherheitsrelevanten körperlichen und psychischen Belastungsreaktion führen können.“ Der Veranstalter sollte daher sicher stellen, dass die eingesetzten Pferde sich eignen. Derzeit gibt es sechs gewerbsmäßige Anbieter für Kutschfahrten in Lippe. Sie alle verfügen über eine entsprechende Erlaubnis. Zu dem tödlichen Unglück in der Nachbarstadt und möglichen Präventionsmaßnahmen möchte einer der Anbieter auf Anfrage lieber nicht Stellung nehmen. Auch der Lippisch-Westfälische Fahr- und Kutschverein zieht ein angekündigtes Statement wieder zurück. „Das ist Pech gewesen“ Dass das Thema heikel ist, weiß auch der ehemalige Herzblut-Kutscher Heinz Meyer (84) aus Großenmarpe. „Wenn so ein Unglück passiert, werden alle nervös“, erklärt Meyer, der jahrelang ehrenamtlich auf Schützenfesten gefahren ist. Das Kutschfahren sei seine große Leidenschaft, sagt er. Nachdem eines seiner beiden Pferde nun altersbedingt verstorben sei, habe er die Zügel endgültig an den Nagel gehängt. Er hält den Fall in Harsewinkel für eine Ausnahme. „Das ist Pech gewesen, wahrscheinlich war das Pferd krank.“ Schon seit Jahrhunderten hätten Pferde schwer auf dem Acker gearbeitet, da habe sich niemand über das Tierwohl beklagt. Wenn Pferde charakterlich geeignet seien, hätten sie am Kutschefahren Freude. „Meine wurden schon immer ganz hibbelig, wenn sie merkten, es geht gleich endlich los“, erinnert sich Meyer. Diskussion vor Schützenfesten in Lippe Kutschen sind auf lippischen Schützenfesten also nicht wegzudenken - zum Beispiel vergangenes Wochenende in Lage. Hier kam es im Netz aber zu Kritik. Im Nachgang war anonym gepostet worden, die Pferde seien am Sedanplatz nicht mit Wasser versorgt worden, die Schützen hätten dafür ausreichend Getränke gehabt. „Dass die Pferde nicht hätten getränkt werden können, ist überhaupt nicht wahr. Ich habe daneben gestanden, als den Pferden von ihrem Kutscher Wasser angeboten worden ist. Außerdem gab es auch In der Bülte ein Wasser-Angebot“, sagt Björn Cruel, 1. Adjutant und Schriftführer der Schützengilde der Stadt Lage von 1509. Die Schützen hätten die Kutscher vorab darauf hingewiesen, dass an allen Stationen Wasser für die Pferde da ist. Sie seien vor dem Umzug mit Wasser versorgt worden und auch danach. Außerdem habe man darauf geachtet, dass die Pferde im Schatten stehen. Auch dem Kreis Lippe sind keine Beschwerden bekannt. Vor dem Schützenfest habe es eine Diskussion darüber gegeben, ob angesichts der erwarteten Hitze Kutschen überhaupt eingesetzt werden sollten. Oberst Michael Krügermeyer-Kalthoff hatte dazu auf Nachfrage der LZ erklärt: „Wir buchen die Kutschen weit im Voraus und sehen den Eigentümer der Tiere in der Verantwortung, die Wettersituation einzuschätzen und zu entscheiden. Er kennt seine Pferde.“ Alternative? Cabrios! Für die Schützengilde stehe das Tierwohl an erster Stelle, und „wir hätten eine Entscheidung der Pferdebesitzer gegen den Einsatz, auch wenn sie kurzfristig getroffen worden wäre, auf jeden Fall akzeptiert“, so Cruel. Die Schützengilde hätte im Fall der Fälle auch eine Alternative gehabt. „Wir hätten Cabrios organisiert.“ Auch in Blomberg chauffieren am ersten Juli-Wochenende zwei Kutschen das Königspaar samt Hofstaat durch die Nelkenstadt. „Bisher hat es da noch nie Probleme gegeben“, sagt Oberst Peter Begemann. Deswegen habe das Thema, auf Pferde beim Umzug zu verzichten, noch nie zur Debatte gestanden. Das Alte Blomberger Schützenbataillon arbeite seit Jahren mit demselben Kutscher-Unternehmen zusammen, ergänzt Begemann. Natürlich lasse es ihn aber aufhorchen, wenn er andernorts von Vorfällen mit Pferden höre, so der Oberst. Ein Fall wie in Harsewinkel hat es in Lippe in den zurückliegenden Jahren nach Einschätzung des Kreises nicht gegeben.