Augustdorf. Er sei der Einladung der Sektion Lippe der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) extra im Feldanzug gefolgt, erklärt Brigadegeneral Hans-Dieter Müller mit Blick auf seine Flecktarn-Uniform. „Das ist inzwischen der vorherrschende Anzug in Düsseldorf.“ Damit unterstreicht der Kommandeur des Landeskommandos den Tenor seines Vortrags über „Die Bundeswehr in NRW in der Zeitenwende“: Wie kann die Bundeswehr und die Zivilgesellschaft möglichst schnell krisenfest und kriegstüchtig werden? Militärhistoriker Sönke Neitzel hatte in einem Interview in der Bild-Zeitung im Frühjahr gewarnt, dieser Sommer könne der „letzte Friedenssommer für uns Deutsche“ sein. „So weit würde ich nicht gehen“, sagt Brigadegeneral Müller. Dennoch macht er in der Gemeinsamen Heimgesellschaft der Augustdorfer Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne deutlich, dass es aus seiner Sicht höchste Zeit ist, sich auf eine weitere Aggression Russlands vorzubereiten. „Im Jahr 2029 oder 2030 wird Russland in der Lage sein, die Nato zu testen. Was das dann heißen wird, kann ich Ihnen nicht sagen.“ Das könne einen Einmarsch in Nato-Territorium bedeuten oder die Aktivierung von Schläfern. 1000 Seiten starker Operationsplan Immer wieder bezog sich Müller in seinem Vortrag auf den 1000 Seiten starken „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr, in dem die militärischen Anteile der Landes- und Bündnisverteidigung Deutschlands gemeinsam mit den zivilen Unterstützungsleistungen geplant werden. So soll letztendlich der reibungslose Aufmarsch alliierter Streitkräfte durch Deutschland Richtung Nato-Ostflanke sichergestellt werden. „Wir sind kein Front-Staat, aber die Drehscheibe Deutschland - auch aus Nato-Perspektive“, erklärt Müller. Aber in den Landratsämtern fehlten aktuell noch die Strukturen, die sich mit ziviler Verteidigung befassten. Dass Russland sich auf weitere Auseinandersetzungen vorbereitet, daran lässt der Brigadegeneral keinen Zweifel. „Russland hat auf Kriegswirtschaft umgeschaltet. Das Land ist gleichgeschalteter als Nazi-Deutschland. Selbst in den Kitas wird der Krieg propagiert.“ Im Jahr 2024 habe Russland viermal so viel Munition produziert wie die gesamten Nato-Staaten. Aktuell sei es „nur“ noch dreimal so viel, weil auch die Nato-Staaten ihre Munitionsproduktion hochgefahren hätten. Hybrider Krieg hinter den Kulissen Längst laufe der „hybride Krieg“ hinter den Kulissen. „An allen Ausbildungsstätten für ukrainische Soldaten in der Republik haben wir ein erhöhtes Drohnen-Aufkommen.“ Der Cyber-Krieg im Internet zeige sich in groß angelegten Hacker-Angriffen, die teilweise den Ausfall öffentlicher Infrastruktur nach sich zögen. Hier werde nicht nur militärische Infrastruktur angegriffen, sondern auch solche der Zivilgesellschaft, um Unruhe zu stiften. „Zum Glück haben Unternehmen und die Industrie die Härtung ihrer Firmennetze als strategische Prioritätsaufgabe begriffen.“ Allerdings wüssten nur wenige Firmen, wie viele Reservisten sich unter ihren Beschäftigten befänden. Als besonders wichtige Aufgabe stuft Müller die Abschreckung Richtung Osten ein. Und die Frage, wie ein gesunder Aufwuchs der aktiven Streitkräfte und der Reservisten gelingen kann. Positiv sei, dass sich die Sichtweise der Bevölkerung auf die Bundeswehr verbessert habe. Die Hilfe der Bundeswehr im Corona-Alltag habe sich bewährt. Und auch die Hochwasserkatastrophe habe dem Ansehen der Bundeswehr geholfen. „Nun weiß man: Wenn das Volk in Not ist, steht die Bundeswehr ihm bei. Derzeit stehen der Bundeswehr so viele Türen offen wie noch nie.“ Befragungsbogen für alle 18-Jährigen Müller erinnert an die Gründung der Bundeswehr vor 70 Jahren. „Innerhalb von neun Jahren standen 490.000 Soldaten unter Waffen.“ Zahlen, die heute längst Vergangenheit sind. 166.500 Soldaten hätten den niedrigsten Stand markiert, inzwischen gehe die Zahl wieder leicht nach oben. Laut Homepage der Bundeswehr hat sie aktuell 182.984 Soldaten in Uniform und 80.602 zivile Beschäftigte. Müllers Ziel wären 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten bis zum Jahr 2032. Ab nächstem Jahr werden alle 18-Jährigen einen Befragungsbogen der Bundeswehr bekommen. „Ob die Freiwilligkeit ausreicht, wird man dann sehen“, sagt Müller. Immerhin blieben heute etwa ein Drittel der Menschen, die zur Bundeswehr kämen, dauerhaft. „Das ist eine tolle Botschaft.“ „Es wird darauf ankommen, die nächsten Jahre hochintensiv zu nutzen“, erklärt auch Generalleutnant a.D. Richard Rossmanith, Sektionsleiter Lippe der GSP, nach dem Vortrag. Zumindest die finanzielle Grundlage für diese Entwicklung sei gelegt. „Gleichzeitig darf man aber auch skeptisch sein, wie sich die innenpolitische Lage in Deutschland entwickeln wird, wenn wir einen Verteidigungshaushalt von 150 Milliarden Euro haben werden, andere Bereiche, die anderen ebenso wichtig sind, aber weniger Geld bekommen.“ Persönlich Hans-Dieter Müller ist seit 1982 bei der Bundeswehr. Er begann im Panzerartilleriebataillon 55 Homberg/Efze. Nach seiner 1997 abgeschlossenen Generalstabsausbildung diente er bis 1999 im Verteidigungsministerium Bonn im Führungsstab Streitkräfte IV. Bis 2002 war er im Nato-Hauptquartier in Brüssel in der strategischen Planung des Internationalen Militärstabs beschäftigt. Von 2004 bis 2005 ging er als Chef des Stabes Nationale Aufgaben und Kommandeur deutsches nationales Element im 10. deutschen Einsatzkontingent KFOR nach Prizren/Kosovo. 2018 bis 2023 war Müller Abteilungsleiter IV im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr in Köln. Dort war er für die Personalführung aller Unteroffiziere und Mannschaften in der Bundeswehr verantwortlich. Seit September 2023 ist er Kommandeur des Landeskommandos NRW in Düsseldorf. Interessenvereinigung Die „Gesellschaft für Sicherheitspolitik“ (GSP) wurde 1951 als „Gesellschaft für Wehrkunde“ von der CIA gegründet. Sie sollte als Interessenvereinigung zur Unterstützung der Westintegration der BRD dienen. Heute soll die GSP Öffentlichkeitsarbeit zu Themen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik betreiben. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ist die GSP auch mit der Rüstungsindustrie vernetzt.