Kreis Lippe. Zwei Jahrzehnte auf der Bühne, eine Million Besucher zum Lachen gebracht: Nach einer erfolgreichen Zeit hat sich die Münstersche Kabarettgruppe „Storno“ in diesem Sommer aufgelöst. Thomas Philipzen, das wiggelige Drittel der Erfolgs-Kombo, sprach mit der Lippischen Landes-Zeitung über die Gründe und über Humor in schweren Zeiten. Herr Philipzen, auf Ihrer Homepage steht, dass Sie wegen des Katholizismus in Ostwestfalen mit Ihrer Familie in Münster leben. Sie kennen beide Regionen – was unterscheidet den Münsterländer vom Ostwestfalen? Thomas Philipzen: Sie sind völlig verschieden. Es heißt oft, die Westfalen seien alle gleich, aber das stimmt nicht. Ostwestfalen wirken zunächst introvertiert, fast ein bisschen hysterisch – man fragt sich, wann sie klatschen. Aber wenn sie einmal dabei sind, lassen sie dich nicht mehr los. Das ist etwas Besonderes. Münsteraner dagegen sind kalkulierender. Sie überlegen genau, ob sie mitgehen. Das ist der Unterschied. Lippe ist ja nicht Ostwestfalen. Wird es eine Ihrer größten Herausforderungen, die Lipper zum Lachen zu bringen? Thomas Philipzen: Sagt man so, aber ich glaube nicht. Kulturell ist das sehr ähnlich. Meine Auftritte in Detmold oder Horn-Bad Meinberg waren vergleichbar. Vielleicht sind die Lipper beim Thema Geld etwas empfindlich, aber vom Wesen her sind sie westfälisch. Wie entsteht der Stoff, mit dem Sie Menschen unterhalten? Wie kommen Sie auf Ihre Themen? Thomas Philipzen: Das hängt von der Ausrichtung ab. Bei „Storno“ waren wir rein politisch orientiert: morgens Zeitung lesen, dann schreiben. Viel Recherche, um das gesamte Meinungsspektrum abzudecken. Mein aktuelles Programm sucht das Politische im Alltag. Ich beobachte Gespräche in Cafés, wie neulich zwei Austauschschüler, die erzählten, wie sie in den USA auf Politiker-Köpfe geschossen haben. Solche Geschichten überspitze ich, um das Politische darin sichtbar zu machen. Die aktuelle politische Lage – ist sie eine Fundgrube oder eher schwer in Humor zu verpacken? Thomas Philipzen: Beides. Kabarett hat sich verändert: Früher kritisierte man das System, heute versucht man, es zu bewahren. Die Realität hat die Satire überholt. Ein Beispiel: „House of Cards“ musste in der vierten Staffel neu gedacht werden, weil Trumps Realität extremer war als die Fiktion. Heute ist das Schreiben anders – die Vorzeichen haben sich verschoben. Aber es gibt ein riesiges Feld, aus dem man schöpfen kann. Gibt es für Sie beim Schreiben rote Linien in Sachen Humor? Bei denen Sie sagen: „Da gehe ich nicht drüber“? Thomas Philipzen: Ich lasse mich von meinen inneren Werten leiten. Es gibt Dinge, die ich nicht mache – aber das heißt nicht, dass sie nicht auf die Bühne gehören. Humor muss authentisch wirken und zu meiner Figur passen. Grundsätzlich finde ich: Alles, was gut ist und den Anspruch hat, Menschen zu bewegen, darf gesagt werden. Wir leben in einem Land, in dem Meinungsfreiheit gilt. Die Diskussion, dass man angeblich nicht mehr alles sagen darf, halte ich für Unsinn. In der Kunst ist fast alles erlaubt – niemand kommt ins Gefängnis, weil er etwas auf der Bühne zeigt. Höchstens entscheidet ein Intendant, dass es nicht ins Programm passt. Für mich gibt es keine offiziellen Grenzen, außer: Es muss gut sein. Nacktheit zum Beispiel braucht einen Grund – das gilt sinnbildlich auch für andere Tabuthemen. Wenn man einen Gag über Gaza oder Israel macht, muss man wissen, was gerade passiert und was die Menschen bewegt. Dann kann daraus ein authentischer Witz entstehen, auch wenn er hart ist. Kunst darf provozieren, aber sie muss Werte hochhalten und Qualität haben. Ich habe Stücke gesehen, in denen Menschen nackt gespielt haben – und es war richtig so, weil es einen Sinn hatte. Alles muss einen Grund haben und gut gemacht sein. Auf der einen Seite steht das Kabarett, auf der anderen die Comedy. Gibt es etwas, das Kabarettisten von Comedians lernen können? Thomas Philipzen: Auf jeden Fall. Comedy hat das Kabarett stark beeinflusst – vor allem durch die Form „ein Mann, ein Mikrofon“. Dieser direkte Zugang zum Publikum hat das Kabarett verändert. Früher war es sehr theatral, wie bei Lore Lorenz im Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Heute wirkt es, als stünde man mit den Leuten am Tresen und erzähle eine Geschichte. Diese Lockerheit ist ein großer Verdienst der Comedy. Inhaltlich gibt es Unterschiede, klar. Manche Themen sind mir bei Comedy zu oberflächlich, aber das ist Geschmackssache. Wichtig ist: Comedy hat Kabarettisten gezeigt, wie man auch mit anspruchsvollen Programmen große Hallen füllt. Früher spielten Hildebrandt und andere in kleinen Theatern – heute erreichen wir ein viel breiteres Publikum. Das ist eine positive Entwicklung. Mit dem Begriff „Legende“ sollte man vorsichtig sein, aber bei 2.000 Auftritten und fast einer Million Zuschauern gemeinsam mit Ihren Partnern Funke und Rüther waren Sie schon so etwas wie eine Legende. Im Sommer war dann Schluss. Warum haben Sie Feierabend gemacht? Thomas Philipzen: Nach 20 Jahren täglicher Zusammenarbeit wird man älter und die Kräfte lassen nach. Meine beiden Kollegen sind älter als ich und haben lange überlegt, ob sie weitermachen. Es gab sogar die Idee einer Fortführung, aber wir haben schnell gemerkt: Wenn man ein so erfolgreiches Projekt mit so viel Freude und klarer Haltung beendet, dann sollte das bewusst geschehen. Nur so erkennt man die Schönheit eines Endes. Wenn man einfach herausgetragen wird, passt das nicht. In der Süddeutschen las ich mal einen Bericht über Björn Borg, der nach einem Finale das Stadion verließ und nie wieder spielte – weil es für ihn keinen Sinn mehr hatte. Für uns war es ähnlich: Wir hatten ein unfassbares Privileg, über eine Million Tickets verkauft, 20 Jahre lang dieselben Hallen gefüllt, dieselben Zuschauer getroffen. Das war wie eine Tournee „Lindenstraße“. Irgendwann ist es gut, und wir wollten diesen Moment selbst bestimmen. Frage: Aber Sie stehen noch in Kontakt miteinander? Thomas Philipzen: Ja, klar. Wir sind weiterhin in Kontakt. Die beiden sind glücklich raus. Harald überlegt, ob er irgendwann wieder etwas macht, wenn er Abstand gewonnen hat. Jochen Rüther hat mit 68 gesagt: „Es ist gut.“ Er macht jetzt andere Dinge, zum Beispiel ehrenamtliche Arbeit. Jeder geht seinen Weg. Selbst Oasis sind dieses Jahr wieder zusammengekommen. Wie sieht es bei Ihnen mit einer Reunion aus? Thomas Philipzen: Das können Sie verkünden: Es wird keine Reunion geben. Wir bleiben konsequent, wie wir es immer waren. Wir machten nie Social Media, kaum Fernsehen, obwohl es viele Angebote gab, kein Merchandise – und trotzdem waren die Hallen voll. Das war unser Weg, und den schließen wir jetzt ab. Ich selbst nutze Social Media inzwischen, weil es als Solist nicht mehr ohne geht, aber Storno bleibt Geschichte. Letzte Frage: Jetzt also solo mit dem Programm „Hirn in Teilzeit“. Was erwartet die Gäste in Horn-Bad Meinberg? Thomas Philipzen: Inhaltlich geht es um den Wahnsinn dieser Welt, in der 1 + 1 plötzlich 3 ist und das als selbstverständlich gilt. Wir erleben Widersprüche wie: Weltklimakonferenz – und kurz darauf wird die Flugticketsteuer gesenkt. Dieser permanente Beschuss macht das Gehirn müde, deshalb die Frage: Sollten wir alle auf Teilzeit stellen? Und wo finden wir Zuversicht in diesem Nebel? Das Programm ist sehr zuversichtlich, kein trauriges Stück. Es ist musikalisch, stark schauspielerisch geprägt und wie ein durchgehendes Theaterstück inszeniert. Ich kann jetzt wieder breiter arbeiten, weil ich nicht mehr in der Storno-Figur stecke. Es bleibt politisch, aber mit viel Humor und Energie. Hier gibt es Tickets Thomas Philipzen tritt am Samstag, 25. April, mit „Hirn in Teilzeit“ im Kurtheater in Horn-Bad Meinberg auf. Karten gibt es ab sofort unter der LZ-Tickethotline (05231) 911 113, unter kartenservice@lz.de oder auf www.ernstmitlustig.de