Detmold (te). Sie versprechen im Wortsinn das Blaue vom Himmel: Internet-Shops, die das Potenzmittel Viagra anbieten, das es in Deutschland sonst nur auf Rezept gibt. "Viagra ist das am häufigsten gefälschte Arzneimittel der Welt", sagt Martin Sieling und hält eine Packung mit den blauen Tabletten drin hoch. Eine gefährliche Fälschung.
Er hat sie aus dem Verkehr gezogen. Denn Martin Sieling, Apotheker von Beruf, ist Leiter des Dezernates für öffentliche Gesundheit, medizinische und pharmazeutische Angelegenheiten und einiges mehr in der Bezirksregierung. Er, sein Kollege Jürgen Jansen und ihre Mitarbeiter überwachen die Herstellung und den Vertrieb von Arzneimitteln und Medizinprodukten. Immerhin 80 Hersteller und Importeure von Arzneimitteln gibt es in OWL, 100 Medizinproduktehersteller kommen noch hinzu, sie fertigen alles, was auf physikalische Weise helfen soll: von der Brille bis zum Kunstherz.
Sieling ist nicht der Mann, der für die Zulassung von Medikamenten zuständig ist. Das übernehmen nationale oder internationale Behörden. Aber dass bei Herstellung, Entwicklung, Vertrieb, Im- und Export alles mit rechten Dingen zugeht, fällt in sein Ressort. Und damit auch das gefälschte Viagra, das aus dem Ausland nach OWL eingeführt werden sollte. Beim Zoll blieb die Potenzpille hängen.
Denn staatliche Aufgabe sei es, den Einzelnen dort zu schützen, wo er sich auf die Qualität, Sicherheit und Unbedenklichkeit der Arznei verlassen können muss. Was bei einer Fälschung nun mal nicht gegeben sei, betont der Leitende Regierungs-Pharmaziedirektor.
Ein großer Teil seiner Arbeit besteht indes darin, die heimischen Hersteller von Arzneimitteln zu kontrollieren. Dazu gehören die Produzenten von Pillen, Pasten, Puder, aber auch Hersteller von menschlichem Gewebe, Heilquellen oder Samenbanken. "Sie benötigen alle eine Erlaubnis durch die Bezirksregierung", sagt Martin Sieling. Und die muss alle zwei Jahre überprüft werden. Das gilt auch für Importeure, deren Betriebsstätten im Ausland von den Detmoldern ebenfalls kontrolliert werden, vorausgesetzt, der Importeur sitzt in OWL. Ferner unterstehen Großhändler der Kontrolle durch die "Medizinpolizei".
Ein aufwändiges System, aber: "Es funktioniert. Die Arzneimittel sind sicher", sagt Sieling. Vorausgesetzt, man verlässt sich nicht auf Quellen wie obskure Internet-Shops. "Hier ist einfach Bürokratie erforderlich, die Sicherheit der Verbraucher ist zu wichtig", unterstreicht Rüdiger Most, Leiter der Abteilung 2 in der Regierung, der Sielings Dezernat angeschlossen ist.
Ein Arzneimittel zu fälschen, ist mit verhältnismäßig viel Aufwand verbunden. Bei manchen Medizinprodukten geht das einfacher, weiß Jürgen Jansen. Sie durchlaufen keine Zulassung, sondern ein "Konformitätsbewertungsverfahren", für das die Hersteller im wesentlichen selbst verantwortlich sind. Am Ende steht dann das "CE-Zeichen", das Sicherheit belegen soll.
Leicht verändert, hat es inzwischen traurige Berühmtheit als Zeichen für "China Export" bekommen. "Da ist eine Überwachung ganz besonders gefragt", sagt Jansen. Da man aber in ein Netz von Behörden weltweit eingebunden sei, könne der Verbraucher relativ sicher sein, gute Produkte zu erhalten. Dennoch verlernen Jansen und Sieling das Staunen nicht. Nicht über die längst abgelaufenen "Drogenschnelltests", die an einer Tankstelle verkauft werden sollten und nicht über die ganz gewöhnliche Bettdecke, die aber einen Druckknopf mit einem Erdungs-Kabel besaß. Für schlappe 1900 Euro wurde dieses angebliche Medizinprodukt als "Elektrosmog-Abschirmdecke" auf einer Kaffeefahrt verkauft. Hier laufen jetzt Ermittlungen.