Mit Nadel und Zwirn - Lagenserin näht Cosplay-Kostüme

Yvonne Glandien

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Alles sebstgemacht: Die 18-jährige Madita Wendtland steckt Zeit und Geld in aufwendige Kostüme. - © Vera Gerstendorf-Welle
Alles sebstgemacht: Die 18-jährige Madita Wendtland steckt Zeit und Geld in aufwendige Kostüme. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Lage. Blaue lange Locken ragen über die Kanten des Schreibtischs. Ein Haarteil besetzt mit silbernen Muscheln liegt daneben, dahinter kratzt eine Bleistiftspitze wild über das Papier. "Zeichnen ist nicht meine Stärke", sagt Madita Wendtland, lächelt und widmet sich wieder ihrem Projekt. Die 18-jährige Lagenserin hat ihr Jugendzimmer in eine Nähstube verwandelt. Mit viel Geduld entstehen hier märchenhafte Kreationen.

Cosplay heißt der Trend, der in den 1990er Jahren von Japan nach Europa geschwappt ist. Das Wort ist ein Zusammenschluss aus dem englischen Costume und Play, zu deutsch Kostümspiel. Von Märchenfiguren über Seriencharaktere bishin zu Avataren aus Computerspielen und Comics - Cosplayer versuchen, ihren Idolen so gut wie möglich gerecht zu werden. So auch Madita Wendtland. "Es ging los, als ich vor etwa drei Jahren zu einer Convention nach Berlin gefahren bin." Vorher habe sie schon in Videos bewundert, wie andere Fans sich für solche Messen in Schale werfen. "Eine Freundin kam dann auf die Idee, wir könnten dort doch auch im Kostüm auftreten." Gesagt, getan.

Kenntnisse im Schneidern oder Nähen hatte die damals 15-Jährige nicht. "Ich habe meine Großtante um Hilfe gebeten und mit ihr gelernt, wie man näht." Die Wahl fiel für die passionierte "League of Legends"-Spielerin auf den Spielcharakter "Nidalee", eine Kopfgeldjägerin mit großem Speer, langem schwarzen Haar und Haarstulpen.

Alte Socken machen den Anfang

Als Madita Wendtland Teile ihres Erstlingswerks in die Hände nimmt, muss sie unwillkürlich schmunzeln. "Heute würde ich das ganz anders machen", sagt sie und lässt die Naht der Armstulpe durch die Finger gleiten. "Das sind einfach alte Socken, die ich mit Rüschenstoff benäht habe." Dennoch hat das Kostüm Eindruck hinterlassen. "Am ersten Tag waren wir ganz normal auf der Messe, aber am zweiten Tag haben wir uns vorher verkleidet. Die Reaktionen waren schon krass", sagt sie. Kameras, die sich plötzlich auf die Lagenserin und ihre Begleitung richteten, andere Gäste, die ein Foto mit ihnen machen wollten - "Man muss schon ein bisschen mögen, so im Mittelpunkt zu stehen." Sie zumindest hat daran Gefallen gefunden.

Fotostrecke: Cosplay-Kostüme aus der eigenen Nähstube


Mittlerweile sind die Projekte der Hobby-Schneiderin deutlich anspruchsvoller geworden. Zu der blaugelockten Perücke etwa gehört ein beschuppter Fischschwanz, der unter Madita Wendtlands Bett hervorlugt. "Das Foto-Shooting als Meerjungfrau hat enorm viel Spaß gemacht." Doch bis das Kostüm dazu fertig war, gingen unzählige Stunden ins Land. "Ich denke, so 200 Stunden hat das schon gedauert." Kein Wunder, denn jede einzelne der rund 1.800 Schuppen auf dem langen Unterteil des Kostüms hat sie selbst gemacht. Aus Heißkleber. "Den habe ich in gebastelte Schablonen gespritzt, aushärten lassen und dann mit blauer Farbe besprüht", erklärt die 18-Jährige. So richtig praktisch ist das Kostüm nicht, denn dank der Flosse ist es nicht möglich, damit zu laufen. Für solche Fälle packt sich Madita einen Ersatzrock ins Gepäck, wenn sie mit dem Kostüm auf eine Messe fährt.

Addams Family bis Anime

Auf dem Arbeitstisch zeugen weitere Perücken von den Cosplay-Experimenten. So erinnern ein Mittelscheitel und lange, schwarze, geflochtene Zöpfe an eine eigene Version von "Wednesday Adams" aus der Serie "The Addams Family". Ein grüner Bob gehört zu Madita Wendtlands Interpretation von "Lubbock", einem Anime-Charakter aus der Mange-Reihe "Akame ga Kill". Ihre Kreationen zeigt sie auf ihrem Instagram-Kanal und ihrer Facebookseite.

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Aktuell arbeitet Madita Wendtland an ihrem bisher herausfordernsten Meisterwerk. Eine kämpferische Version der Märchenfigur Rotkäppchen soll es werden - angelehnt an einen Charakter aus dem Spiel "SINoALICE". Allerdings mit einem selbst gebauten Lederreifrock und einem aufwendig verzierten Kampfstab. Neben Nadel und Faden spielen auch spezielle Materialien eine Rolle, aus denen sich Madita Wendtland Accessoires formen kann. Thermoplastische Stoffe, Schaumpaletten und der ein oder andere zweckentfremdete Haushaltsgegenstand. "Mein erster Kampfstab war eine alte Gardinenstange."

Doch mit dem Großprojekt will sich Madita Wendtland nicht stressen. "In den vergangenen Monaten war die Zeit schon etwas knapper, da ich für mein Abitur lernen musste", sagt sie. Mittlerweile macht sie eine Ausbildung zur Tierarzthelferin. Ihre freie Zeit verbringt sie häufig in ihrer Nähstube. Schließlich soll alles perfekt sein. "Ich wünsche mir, mit dem Rotkäppchen-Kostüm vielleicht mal einen Wettbewerb auf einer Convention zu gewinnen." Ein erster Blick auf die perfekt kreierten Kleidungsstücke verspricht bereits gute Chancen.

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