Kreis Lippe. Die mobile Ethikberatung Lippe (MELIP) will ein „tabuisiertes Thema“ auf möglichst breiter Basis offen diskutieren: den assistierten Suizid. Eine Beratungspflicht für schwerstkranke Menschen, die sterben wollen, gibt es (noch) nicht. Aber wenn es sie geben sollte, müssten legitimierte Einrichtungen sie übernehmen - ähnlich wie Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen es tun. Die MELIP würde sich dafür gern mit Diakonie, Beratungsstellen, sozialpsychiatrischen Diensten und anderen in Lippe zusammentun. Die Basis ist gegeben „Unsere Idee ist, eine solche Stelle in Lippe schon mal ins Leben zu rufen. Denn das wird kommen, und das können wir nicht allein“, sagen Prof. Dr. Fred Salomon und Andreas Lüdeke von der MELIP-Leitung. Beratungsstellen zur Suizidberatung zu gründen, habe schon in einem Gesetzentwurf der letzten Bundesregierung gestanden. „Die Basis hier ist durch das sehr gute Palliativnetz in Lippe gegeben“, ist Salomon sicher, „auf dieser Basis können wir garantiert weiterarbeiten. Das ist unsere Idee.“ Dieses Netzwerk müsse aber von politischer Seite gewollt und gefördert werden. Es gehe um Menschen, mit maximal ohnehin begrenzter Lebenszeit, nicht um Suizidgedanken etwa von psychisch Kranken, stellt Prof. Salomon klar. Ein langjähriger Dialysepatient, ein Mensch, der rund um die Uhr ans Sauerstoffgerät angeschlossen ist, ein Schwerkranker mit mehreren Lungenentzündungen, der seit Jahren behandelt wird: „Wenn sie sterben wollen, müssen sie sich nicht das Leben nehmen, sondern dann können sie geordnet und palliativärztlich begleitet mit der Behandlung aufhören. Dann sterben sie stressgemindert an ihrer Krankheit. Das ist rechtens.“ Würdevolles Leben bis zuletzt Die Arbeit des ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes (AHPB) und der MELIP ist darauf ausgerichtet, ein gutes, würdevolles Leben ohne Über- oder Fehltherapie bis zuletzt zu ermöglichen und Umstände zu schaffen, die den Suizid in den Hintergrund treten lassen, erklärt Salomon. „Doch trotz guter Suizidprävention ist der eigenverantwortlich herbeigeführte Tod für manche der einzige erträgliche Weg.“ Es geht also darum, den letzten Weg eines Menschen zu begleiten, was der AHPB - zu dem die MELIP gehört - seit Jahren macht. Und zwar im Idealfall so, dass todkranke Menschen sich die Gedanken um einen Freitod erst gar nicht machen oder davon Abstand nehmen. „Mut machen zum Leben“, fasst Salomon das zusammen. Es gebe viele Anhaltspunkte, Lebensqualität zu erhalten, sagt Lüdeke. Und es könne gelingen, dass der Wunsch nach assistiertem Suizid durch Aufklärung darüber, was Hospiz- und Palliativarbeit kann, in den Hintergrund gerate. Salomon ergänzt: „Es geht oft nicht um den Wunsch, nicht mehr leben zu wollen, sondern so nicht mehr leben zu wollen.“ Lüdeke weiß, das die MELIP die zuweilen kritischen Rahmenbedingungen etwa in Pflegeheimen nicht ändern kann: „Da würden wir uns etwas vormachen. Aber was man ändern kann: gerade im häuslichen Bereich Angehörige unterstützen. Oder die Mitarbeiter in den Pflegeheimen ethisch fortzubilden und weiter zu sensibilisieren, wenn Bewohner ihnen gegenüber den Wunsch äußern, sterben zu wollen. Darüber sprechen zu können, entlastet schon.“ Jeder Arzt und jeder Angehörige habe immer die Freiheit, daran nicht beteiligt sein zu wollen. Allmähliches Umdenken Ganz allmählich setze ein leises Umdenken ein, sagt Lüdeke. „Auch für Hospizler ist der assistierte Suizid ein schwieriges Feld. Aber im Extremfall versagen wir uns nicht. Da hat sich schon was geändert.“ Die Unkenntnis sei aber selbst unter Professionellen erschreckend. „Viele Ärzte, Pflegende, die mit solchen Lebensend-Entscheidungen zu tun haben, halten assistierten Suizid für in Deutschland verboten. Sie kennen die Zusammenhänge nicht. Sich für einen Suizid zu entscheiden, ist in Deutschland aber nicht verboten,“ betont Salomon. Beide haben in einem jüngst erschienenen Fachbuch, das sich insbesondere an Pflegekräfte in Klinken oder Pflegediensten wendet, Aufsätze publiziert. Auch Theologen verschiedener Religionen, Juristen, Pflegekräfte und Philosophen beleuchten das Thema, über das die MELIP sich seit Jahren viele Gedanken macht und deren Konzept bundesweite Aufmerksamkeit erlangt hat. Wie gehen Angehörige, Pflegende, Ärztinnen und Ärzte damit um, wenn Menschen den Tod herbeigeführt haben wollen? Lüdeke schreibt über die Ethikberatung und den ambulanten Hospizdienst. Salomon, der Mit-Herausgeber ist, schildert praktische Beispiele. Constanze Giese, Marianne Rabe, Fred Salomon (Hrsg.): Assistierter Suizid. Ein Thema in der Pflege? De Gryter, ISBN 2509-7040, 29,95 Euro, 344 Seiten