Leopoldshöhe/Bielefeld. Über Jahrhunderte wies er stolz und zinnenbewehrt auf die Grenze zwischen Lippe und Preußen hin. Dies tut der Grenzstein Nr. 54 streng genommen zwar auch heute noch, doch die glanzvollen Zeiten des mehr als 2,50 Meter hohen und mehr als drei Tonnen schweren Steins sind seit dem Neubau der B66n vorerst vorbei: Inzwischen steht er am Ende eines unscheinbaren Wurmfortsatzes der Detmolder Straße, eingeklemmt zwischen einer Schallschutzwand und dem Drahtzaun einer Trinkwassergewinnungsanlage. Nur wer genau weiß, wo der Grenzstein steht, kann ihn finden – für den Rest der Öffentlichkeit dürfte er inzwischen Bielefelds und Leopoldshöhes bestverstecktes Denkmal sein. Weil dies dem Wesenskern eines Denkmals nur bedingt entspricht, regt sich an dem Standort und an dem Schicksal des geschichtsträchtigen Gebildes, wie berichtet, inzwischen Kritik und Widerstand. Sowohl in Leopoldshöhe wie auch in Bielefeld. In einem Leserbrief bedauert NW-Leser Dieter Böhl, dass der „echte Hingucker“ von einst „eingekeilt, versteckt und entwürdigt“ werde. „Der Grenzstein verfehlt an diesem Standort auf jeden Fall seine Berechtigung als Denkmal und ist dort deplatziert.“ Gerade mit Blick auf die aktuellen Debatten um Zölle und Abgaben könne der Stein daran erinnern, dass diese erhebliche wirtschaftliche Nachteile brächten. „Die Aufhebung dieser Zollgrenze 1842 war ein wirtschaftlicher Vorteil für die gesamte Region.“ Erste Versetzung im zwischen 1844 und 1846 Kurze Zeit später – in den Jahren 1844 bis 1846 – bauten Preußen und Lippe die Straße neu, der Grenzstein wurde etwas weiter südlich aufgestellt. 1881 fügten die Preußen eine gusseiserne Platte mit dem Wappen der Provinz Westfalen hinzu. Nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Ende der Monarchien wiederum fügten Steinmetze die Schriftzüge „Freistaat Preußen“ und „Freistaat Lippe“ hinzu. Es ist eben ein geschichtsträchtiger Stein – und der brauche einen repräsentativen Ort, um wieder ein Blickfang zu werden. Genau so einen Ort hatten die Mitglieder des Vereins für Dorfgeschichte Ubbedissen-Lämershagen im Sinn, als das Denkmal vor acht Jahren mit einem Autokran um rund 40 Meter vom Kreis Lippe auf Bielefelder Stadtgebiet versetzt wurde. Mit dem Bau der Lageschen Straße Mitte der 90er-Jahre wurde der Stein vom ursprünglichen Standort schon einmal neu aufgestellt, 2017 sollte durch die Umsetzung verhindert werden, dass der Grenzstein im Zuge des vierspurigen Ausbaus der B66n „auf irgendeinem Bauhof“ lande. „Jetzt ist der Stein an einer exponierten Stelle wieder gut zu sehen“, freute sich der damalige Vorsitzende des Vereins für Dorfgeschichte, der im vergangenen Jahr verstorbene Ernst-Friedel Köppe. Er konnte nicht ahnen, dass acht Jahre später davon im wahrsten Sinne des Wortes nur noch wenig zu sehen sein würde. Heimatverein und Heimatbund waren nicht informiert In Leopoldshöhe hatte die Versetzung des Steins 2017 nicht unbedingt für Freude gesorgt. Denn der Leopoldshöher Heimatverein und der lippische Heimatbund wussten nichts davon. Diese Umsetzung war nur mit der unteren Denkmalbehörde Bielefeld und den Denkmalpflegern des Landesverbandes Westfalen-Lippe abgestimmt worden. „Eine darüber hinaus gehende Beteiligung anderer Dienststellen ist rechtlich nicht vorgesehen“, hieß es damals in einem Schreiben der Bezirksregierung. Und nun wieder ein neuer Platz – der Wünsche offen lässt. Entsprechend beklagt auch seine Nachfolgerin, Sabine Bewersdorff, die „nicht gut gewählte“ Stelle, an der der Grenzstein heute steht. „Grenzsteine sind wichtige Zeugen der Landesgeschichte und markieren historische Grenzen zwischen verschiedenen Herrschaftsgebieten“, sagt Bewersdorf. „Es ist eine Pflicht unserer Gesellschaft, diese Erinnerungskultur zu erhalten und sichtbar zu machen.“ Sie kündigt an, dass sich der Verein für Dorfgeschichte gemeinsam mit den Heimatvereinen Oerlinghausen und Leopoldshöhe dafür einsetzen werde, den Grenzstein erneut zu versetzen – diesmal an einen „angemessenen Standort“: „Wir werden viele Schwierigkeiten meistern müssen.“ Diese Schwierigkeiten werden dann wohl eher rechtlicher als baulicher Natur sein: Der Stein ist im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach versetzt worden, darin haben Lipper und Preußen also schon Übung. Bielefeld würde sich nicht widersetzen Rechtlich wiederum ist ein Umsetzen ebenfalls wieder möglich, die Lage ist aber komplex. Der Grenzstein ist Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen und steht unter Denkmalschutz. Zuständig für Genehmigungen ist die Bezirksregierung Detmold, eingebunden sind auch die Denkmalpflege des LWL sowie die kommunalen Denkmalbehörden. Die Stadt Bielefeld hat auf Anfrage erklärt, dass sie sich einer Rückverlagerung nicht widersetzen würde – die Kosten müsse jedoch die Gemeinde Leopoldshöhe oder ein anderer Träger übernehmen. In Leopoldshöhe wiederum stieß, wie berichtet, ein Antrag des früheren stellvertretenden Bürgermeisters Manfred Burkamp, den Grenzstein auf lippischem Gebiet an einen besser sichtbaren Ort zu stellen, ebenfalls auf breite Zustimmung. „Ich habe dazu schon mehrere Gespräche geführt“, sagte etwa Dirk Puchert-Blöbaum von der Gemeindeverwaltung gegenüber dem Gemeinderat. „Auch von Straßen-NRW wurde bereits signalisiert, einer Umsetzung grundsätzlich zuzustimmen. Problem: Knappe Kassen Doch auch in Lippe fällt der Blick sofort auf die knappen Kassen: Vor weiteren Schritten sollte zunächst ermittelt werden, wie viel die Aktion kosten würde. Erst dann könnte sich darum gekümmert werden, welcher zertifizierte Steinmetzbetrieb die Arbeiten übernehmen könnte – und wo genau der Grenzstein zukünftig eigentlich stehen soll. Möglicherweise wird das Problem des versteckten Grenzsteins auch schon bis zur Fertigstellung der B66n geklärt. Bis dahin ist entgegen der ursprünglichen Planung jedenfalls noch viel Zeit: Die ohnehin schon deutlich hinter dem Zeitplan liegende Fertigstellung der neuen Verkehrsachse verzögerte sich durch die Insolvenz eines Brückenbauunternehmens ein weiteres Mal, die Inbetriebnahme wird nun frühestens 2027 erwartet.