Leben in der Welt der Großen

Hans-Peter Wellmann misst 1,16 Meter und engagiert sich für die Belange der Kleinwüchsigen

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Maßanfertigung: Die Küche mit mobiler Arbeitsfläche ist extra auf die Größe von Hans-Peter Wellmann zugeschnitten. Mit normalen Modellen kämen er und seine Lebensgefährtin im Alltag kaum zurecht. Foto: Kantelberg
Maßanfertigung: Die Küche mit mobiler Arbeitsfläche ist extra auf die Größe von Hans-Peter Wellmann zugeschnitten. Mit normalen Modellen kämen er und seine Lebensgefährtin im Alltag kaum zurecht. Foto: Kantelberg

Leopoldshöhe (kk). Die Nudeln im Regal sind nicht zu erreichen, der Schalter zu hoch, an den Schlitz vom Geldautomaten gar nicht zu denken. 1,16 Meter misst Hans-Peter Wellmann und bringt es damit auf die Größe eines fünfjährigen Kindes. Als Kleinwüchsiger in der Welt der Großen muss er jeden Tag hohe Hürden überwinden.

Dysmelie nennt sich die Krankheit, an der 42-Jährige leidet. Eine von hunderten von Formen von Kleinwüchsigkeit. In Hans-Peter Wellmanns Fall bedeutet das, dass Arme und Beine verstümmelt und Hände und Füße kaum ausgebildet sind. "Natürlich habe ich mich mit meinem Leben arrangiert", sagt der zugezogene Leopoldshöher, "ich habe es ja nie anders kennengelernt". Im Ruhrgebiet geboren, versuchten seine Eltern, ihn so normal wie möglich zu erziehen. Doch schon bei der Grundschule war Schluss. Einen Kleinwüchsigen trauten sich die Lehrer damals nicht zu betreuen, also ging es auf eine spezielle Förderschule, später auf ein Internat nach Köln. "Barrierefreie Schule, die gab es damals noch nicht", sagt Wellmann, und eigentlich hat sich daran auch Jahrzehnte später nicht viel geändert.

Nach Studium und Behindertenarbeit wechselte er in den Schuldienst und ist seitdem an der Realschule in Senne tätig. "Die einzige barrierefreie Schule im Bielefelder Bereich." Für die Schüler, sagt Wellmann, sei seine Behinderung kein großes Thema, doch natürlich ist er immer wieder auf ihre Hilfe angewiesen. Auf das Verteilen der Hefte und Zettel, das Anbringen von Bildern und Folien an der Tafel, doch Wellmann sieht es pragmatisch: "So binde ich die Schüler stärker in den Unterricht ein."

Hans-Peter Wellmann hat gelernt, sich zu behaupten, sich den Blicken zu stellen, die ihn täglich auf der Straße oder im Laden treffen. "Das bin ich gewohnt, das ist nicht mehr so schlimm", sagt er, und findet es am besten, wenn ihn Kinder direkt nach seiner Krankheit fragen. Ein Leben als Kleinwüchsiger bedeute, sich zu arrangieren. Im Supermarkt geduldig zu warten, bis jemand die Ware aus Regal oder Tiefkühltruhe holen kann, im Fahrstuhl im Zweifelsfall wieder auszusteigen, weil der Rollstuhl nicht passt oder die Schalter zu hoch hängen, im Hotel im Vorfeld abzuklären, ob Türchip und Knauf auch für Kleinwüchsige zu bedienen sind.

Ein Leben als Kleinwüchsiger bedeutet viel Geduld, aber auch Geld zu investieren. Schuhe sind nur als Spezialanfertigung möglich, Kleidung muss umgenäht werden, für Badezimmer, Toilette und Küche brauchen Wellmann und seine Lebensgefährtin Sonderanfertigungen, ebenso für das Auto. Nur zum Teil tragen Kassen oder Versicherungen die Kosten, das Gros muss das Paar selbst bezahlen. Hans-Peter Wellmann und seine Freundin haben sich im Bundesselbsthilfe-Verband Kleinwüchsiger Menschen kennengelernt, für die der Wahl-Leopoldshöher mittlerweile als Landesverbandsleiter tätig ist.

Einmal im Monat treffen sich die Kleinwüchsigen. "Für mich ist es wichtig, Menschen zu treffen, die dieselben Probleme haben wie ich, und gemeinsam mit ihnen für unsere Belange zu kämpfen." Bei der Selbsthilfegruppe hat Hans-Peter Wellmann auch seine Freundin getroffen. Partnerschaft mit normalwüchsigen Menschen, so seine Erfahrung, funktioniert oft nicht. "Es tut gut, dem anderen in die Augen zu sehen - und nicht auf seinen Hosenbund."

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