Stimmen zum Prozessauftakt: "Die Medien müssen über den Horror berichten"

Erol Kamisli und Janet König

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In der Medientraube: Anwalt Jann Henrik Popkes, der Heiko V. verteidigt, stellt sich den Fragen der zahlreichen Medienvertreter, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist sind. - © Bernhard Preuss
In der Medientraube: Anwalt Jann Henrik Popkes, der Heiko V. verteidigt, stellt sich den Fragen der zahlreichen Medienvertreter, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist sind. (© Bernhard Preuss)

Detmold. Auf dem Tisch liegt ein Franzbrötchen. Elfriede Meisenborn sitzt in der Bäckerei direkt gegenüber dem Landgericht, trinkt einen Milchkaffee und beobachtet das Gedränge von Journalisten, die Einlass ins Gebäude begehren. Nebenan an der Gerichtsstraße diskutieren Polizeibeamte mit den Fahrern der TV-Übertragungswagen, weil die Fahrzeuge Rad- und Gehwege versperren. „Es ist gut, dass so viele Medien hier sind, denn die ganze Republik soll erfahren, dass Kinderschänder vor Gericht landen. Sie müssen über den Horror berichten", sagt die Rentnerin aus Detmold.

Sie erspart sich den Gang in den Besucherbereich des Gerichtssaal. „Ich werde so schnell wütend und die Plätze sind bestimmt auch schon vergeben", sagt die 79-Jährige. Recht hat die Detmolderin – es ist 8.20 Uhr, und der Besucherbereich des Saals 165 füllt sich langsam. Einen Platz hat Susanne Schröder (Name von der Redaktion geändert) aus Lügde ergattert. „Ich bin um 7.30 Uhr losgefahren, weil ich beim Prozessstart dabei sein wollte", sagt die Krankenschwester, die eigens ihre Schicht verschoben hat.

Sie kenne Andreas V. seit knapp 30 Jahren. „Er war ein intelligenter und empathischer Mensch, der alle mit Charme überzeugen konnte", sagt die 52-Jährige. Sie könne eigentlich immer noch nicht glauben, dass er so vielen Kindern und Familien das Leben versaut habe. „Alle haben oder hätten ihm seine Kinder anvertraut – ich auch", sagt Schröder. Nachdem der Missbrauch öffentlich geworden sei, hätten alle Eltern, die in den vergangene 30 Jahren ihre Kinder „dem Addi" anvertraut hätten, sofort zum Handy gegriffen und nachgefragt, ob ihr Nachwuchs auch Opfer des 56-Jährigen geworden sei.

Dann legt sie den Zeigefinger auf die Lippen – pünktlich um 9 Uhr eröffnet die Vorsitzende Richterin Anke Grudda im Saal 165 die Verhandlung gegen die drei Angeklagten Andreas V., Mario S. und Heiko V. unter den Augen von 18 Nebenklägeranwälten, 30 Journalisten sowie 30 Zuschauern – der Saal ist voll. Die drei Angeklagten werden von zahlreichen Wachtmeistern in den Saal geführt, Blitzlichtgewitter.

Dauercamper Andreas V. hat sein graues Kapuzenshirt über den Kopf gezogen und verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner. Auch Heiko V. hat eine Mappe vor der Nase und will nicht erkannt werden. Nur Mario S. zeigt der Öffentlichkeit sein Gesicht. Nach fünf Minuten müssen Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen – jetzt zeigen auch die anderen beiden ihr Gesicht. Susanne Schröder macht große Augen, legt ihre Hand vor den Mund und flüstert. „Der Addi hat ja abgenommen und ist kaum wiederzuerkennen."

Neben der Lügderin sitzt Isabel Thoins aus Detmold. Die Abiturientin hat die Berichterstattung zum Missbrauchsfall aufmerksam verfolgt. „Ich bin extra früher aufgestanden, damit ich noch einen Sitzplatz bekomme", sagt die 18-Jährige. Sie sei „schockiert" über das Ausmaß der Fälle: „Ich wollte sehen, was für Menschen solche widerlichen Taten begehen."

Es ist 13.30 Uhr. Alle drei Angeklagten haben über die Verteidiger oder in persönlichen Erklärungen ihre Schuld eingestanden. „Ich finde es sehr gut, dass den Opfern somit eine Aussage erspart bleibt", sagt Susanne Schröder. Es war das einzige, was sie noch für die kleinen Seelen tun könnten – eine Entschuldigung für solche Taten gebe es nicht, fügt die 18-jährige Isabel hinzu.

Alle Artikel zum Missbrauchsfall finden Sie hier.

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