Das Dorf Oerlinghausen um 1850. Die colorierte Zeichnung zeigt den Kirchturm der Alexanderkirche mit seinem ursprünglichen stumpfen Dach. 
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Oerlinghausen
Fremde Truppen plündern das Dorf

Das Dorf Oerlinghausen um 1850. Die colorierte Zeichnung zeigt den Kirchturm der Alexanderkirche mit seinem ursprünglichen stumpfen Dach. Repros: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv (© Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv)

Oerlinghausen. Nur wenige Gemeinden hatten im Siebenjährigen Krieg so zu leiden wie das Dorf Oerlinghausen. Damals, 1756 bis 1763, als sich Friedrich der Große von Preußen und Maria Theresia von Österreich viele Schlachten lieferten, waren auch andere Kriegsparteien mit dabei, die Engländer und die Franzosen zum Beispiel. Maria Theresia hatte sich mit Frankreich verbündet, der Preußenkönig mit England, Hannover und Hessen. Und der Teutoburger Wald bot sich als Aufmarschgebiet für das Gebiet Nordwestdeutschland offenbar bestens an.

Mitte Juni 1757 rückten die Franzosen von Süden her Richtung Lippe an. Paderborn und Bielefeld hatte sie bereits besetzt. Der relativ machtlose lippische Graf Simon August bot seinen Untertanen immerhin an, ihr Hab und Gut, alle Dokumente, auf das Schloss in Detmold in Sicherheit zu bringen. Helfen konnte er den betroffenen Dörfern wie Oerlinghausen ohnehin nicht. Denn gekämpft wurde nicht, es waren die Einquartierungen eines ganzes Heeres, die die Gemeinden total auslaugten.

Für das Gut Niederbarkhausen wird ein Schaden von 5.000 Talern errechnet

Nikolaus Graf von Luckner, im Siebenjährigen Krieg noch erfolgreicher General in hannoverschen Diensten, wechselte später zu den Franzosen. 1761 wohnte er im Oerlinghauser Amtshaus (später Stadthotel). 

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Nikolaus Graf von Luckner, im Siebenjährigen Krieg noch erfolgreicher General in hannoverschen Diensten, wechselte später zu den Franzosen. 1761 wohnte er im Oerlinghauser Amtshaus (später Stadthotel). Repro: Horst Biere Quelle: Hist. Museum (© Repro: Horst Biere / Quelle: Hist. Museum)

„Ein französisches Korps von 8.000 bis 9.000 Mann kam am 19. Juni 1757 bei Oerlinghausen an", schreibt der ehemalige Bürgermeister August Reuter in der Dorfchronik. Eine kleinere Kompanie lagerte am Triftweg, Die Artillerie ließ sich an der Holter Straße in der Nähe des Widfelds nieder. Beim Gut Menkhausen und auf der Hanegge lagen mehrere Truppenteile. Das Hauptlager richteten die Franzosen aber am Stöhnebrink bis Wellenbruch ein – also oberhalb des Gutes Niederbarkhausen bis zum Mausoleum und zur heutigen Detmolder Straße. Das ganze Korps musste von den Oerlinghausern und den umliegenden Hofstätten zwangsweise versorgt werden.

Wilde Feste feierten die Franzosen im Alten Krug in Helpup (hier ein Bild von 1900) . Bezahlen musste es der Wirt und die ganze Bevölkerung. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv
Wilde Feste feierten die Franzosen im Alten Krug in Helpup (hier ein Bild von 1900) . Bezahlen musste es der Wirt und die ganze Bevölkerung. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv)

Das Gut Niederbarkhausen hatte am meisten zu ertragen. Dem Besitzer, Kanzleirat Barkhausen, wurden die Erntefläche zertreten, Pferde, Ochsen und Schafe entwendet und zum großen Teil geschlachtet. Die Fischteiche, die das Gut im Wellenbruch besaß, ließen die französischen Soldaten bis auf den Grund ab und sammelten alle Fische ein. „Der halbe Tönsberg, der damals zu Niederbarkhausen gehörte", schreibt August Reuter, „wurde kahl abgeholzt." Außerdem fuhren die Franzosen fast 170 Fuder Buchenbrennholz aus den Wäldern ins Lager – natürlich alles ohne Bezahlung. „Kanzleirat Barkhausen berechnete den Schaden auf mehr als 5.000 Thaler, er hat niemals auch nur einen Pfennig wiedergesehen." Es war eine Erlösung, als dieses Korps am 4. Juli endlich Richtung Weser aufbrach. Doch die Freude währte nur kurz.

Wenige Tage später setzte sich ein anderer großer französischer Truppenteil von Bielefeld aus in Bewegung und lagerte im Bereich Helpup. Für den Krugbesitzer des Alten Kruges, der den Spitznamen Helpup trug, begannen besonders schwere Tage. „Fremde Soldateska tobte auf der Deele. In den Aufzeichnungen ist von derben Feiern und Schlägereien die Rede. Immer wieder musste der Gastwirt seine Knechte bereitstellen, Nahrungsmittel abliefern, Vieh zum Abschlachten bereitstellen und manche Plünderung und Drangsalierung erleiden", beschreibt August Rettig, der langjährige Gastwirt des Alten Kruges in seiner Chronik die Verhältnisse in Helpup. Ein weiteres Unheil kam hinzu, einige Ochsen, die die Franzosen im Tross mitbrachten, trugen ein Viehseuche ein, die sich bald im ganzen Land verbreitete und auch in Oerlinghausen Dutzende von Tieren befiel. Die französischen Truppen wurden später von den Engländern bei Zeven in Norddeutschland geschlagen und zurückgedrängt.

Ob Franzosen, Preußen oder Engländer – Leidtragende sind die Oerlinghauser

Nach den Franzosen rückten die alliierten Truppen unter Führung der Engländer in die Gegend ein. Für ihr Winterquartier im Raum Paderborn, Lippstadt, Warendorf musste das Amt Oerlinghausen wieder Proviant und Fuhrwerke stellen. Im nächsten Sommer, im Jahre 1759, wendete sich das Kriegsglück erneut und die französischen Truppen kamen zurück – bis sie schließlich Anfang August in der Schlacht bei Minden von den englischen Truppen und den verbündeten Hannoveranern und Braunschweigern entscheidend geschlagen wurden.

Jetzt bekam der Krieg für die Region Lippe eine neue Dimension, denn der Herzog von Braunschweig brauchte dringend neue Truppen. Zwangsweise verlangte er vom lippischen Grafen 500 Rekruten aus dessen Land. Als der ablehnte, kam die Garde des Herzogs selbst nach Lippe um die Zwangsrekrutierung einzuleiten. „In Oerlinghausen sind 80 junge Leute zu bestimmen und zu liefern. Und zwar sofort, damit die Leute nicht Weile haben, sich aus dem Staube zu machen", notierte der damalige Amtmann. Natürlich flüchteten die jungen Männer aus Oerlinghausen recht schnell in die Wälder. „Am 25. Februar 1760 ging die allgemeine Razzia los. Prügelstrafe gab es für die Väter der Ausreißer, die jungen Mädchen der Familie wurden verschleppt und nur gegen die Lieferung des Rekruten oder hohes Lösegeld wieder freigelassen", heißt es in der Chronik. Da immer noch nicht genügend Rekruten zusammenkamen, waren weitere Aushebungswellen die Folge. Doch dann rückten 1761 die Franzosen wieder bis zum Teutoburger Wald vor und forderten von Stukenbrock aus kommend „ungeheure Mengen an Heu, Hafer, Brot, Butter und Fleisch". Wiederum wurden junge Mädchen ins Lager geholt und so Geld und Lebensmittel erpresst.

Erneut marschierten die Engländer und Hannoveraner in Oerlinghausen. Ihr General Nikolaus Graf Luckner, ein Deutscher, der im Siebenjährigen Krieg in hannoverschen Diensten stand, wohnte vorübergehend im Oerlinghauser Amtshaus (heute Stadthotel). Ständig habe er neue Pferde für seine Spanndienste gebraucht und die Feldfrüchte der Bevölkerung erpresst, „dass, wer es sieht, die Thrähnen in die Augen fallen" – so die Chronik.

Erst 1763 hörte die katastrophale Zeit auf, es wurde Frieden geschlossen. „Welchen Schaden der Siebenjährige Krieg in unserer Gemeinde angerichtet hat, lässt sich in Zahlen gar nicht ausdrücken", schreibt August Reuter. „Man sieht also, ob Franzosen, Preußen oder Engländer hier lagerten, die Leidtragenden waren in jedem Fall die Oerlinghauser."

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von Horst Biere

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