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Oerlinghausen

Die goldenen 60er Sportjahre

Oerlinghausen. Es ist Mittwoch, der 11. September 1963, ein warmer Spätsommerabend. Hunderte von Oerlinghauser Sportlern ziehen mit bunten Lampions und leuchtenden Fackeln die Holter Straße hinunter zum Platz am Kalkofen. Etwa 200 Schüler in luftiger Sportkleidung vorneweg, dahinter die Jugend- und Seniorenabteilungen. Für den Marschtritt nach Takt und Noten sorgt die Oerlinghauser Feuerwehrkapelle.

Die neugebaute Sportanlage am Freibad wird feierlich eröffnet – im 100. Jahr seines Bestehens startet der TSV Oerlinghausen an diesem Abend eine riesige, viertägige Jubiläumsparty, mit Choreinlagen des Volkschors „Eintracht", mit Volkstanz der Frauengruppe und mit viel Blasmusik. In den nächsten Tagen wetteifern Turner, Handballer, Fußballer und Leichtathleten in Staffelläufen miteinander. Die Fußballmannschaften tragen diverse Freundschaftsspiele gegen auswärtige Vereine aus. Die Korbballerinnen sind aktiv, die Faustballer wirken ebenfalls mit, erstmals finden auf den neuangelegten Aschenbahnen die Leichtathletik-Stadtmeisterschaften statt. Und eine Neuheit, die viel Spaß bringt, ist ein Kinder-Tretrollerrennen um den „Großen Preis vom Kalkofen". Das ganze sportliche Oerlinghausen ist auf den Beinen.

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Die 60er Jahre gelten als eine regelrechte Boomphase des Vereinssports in der Bergstadt. Nach den ersten Aufbaujahren in der Folge des Weltkriegs sind endlich modernere Sportanlagen gebaut worden. Vorbei ist die Zeit der Turnübungen in den Sälen des Kastanienkrugs oder des Essener Hofes (später Stadtschänke). Die erste echte Turnhalle an der heutigen Heinz-Sielmann-Schule steht seit 1958 dem Vereins- und Schulsport zur Verfügung. Auch die Open-Air-Sportarten wie Fußball oder Leichtathletik laufen seit dem TSV-Jubiläumsjahr 1963 nicht mehr auf dem alten Bolzplatz am Freibad, sondern sogar unter Flutlicht auf frischen Aschebahnen und rotem Granulat im „Stadion" am Kalkofen. Später, im Jahre 1967, kommt noch eine kleinere Sporthalle an der Fröbelschule hinzu.

Die jüngsten Roller-Rennfahrer machen mit beim Festumzug durch Oerlinghausen. Ihr Wettbewerb ist der „Große Preis vom Kalkofen“. - © Horst Biere
Die jüngsten Roller-Rennfahrer machen mit beim Festumzug durch Oerlinghausen. Ihr Wettbewerb ist der „Große Preis vom Kalkofen“. (© Horst Biere)

1965 wird es international: Briten und Bergstädter messen sich im Sport

Ein sportlicher Motivati-onsschub geht in jenen Jahren durch die Bergstadt. Wer als Jugendlicher dabei sein will, der verbringt seine Freizeit auf dem Sportplatz. Fußball- und Handballspiele werden auch in den unteren Spielklassen gut besucht. Hunderte von Zuschauern fiebern bei Heimspielen der TSV-Mannschaften mit und können nunmehr auf den neugebauten Stehtribünen das Spielgeschehen noch besser verfolgen.

Die siegreiche 4 x 100 Meter Staffel beim Bezirksturnfest 1964: Hans-Herbert Heißenberg (v. li.), Stefan Lange, Christoph Schoess und Hans-Georg Pott. - © Repros: Horst Biere / Quelle: TSV
Die siegreiche 4 x 100 Meter Staffel beim Bezirksturnfest 1964: Hans-Herbert Heißenberg (v. li.), Stefan Lange, Christoph Schoess und Hans-Georg Pott. (© Repros: Horst Biere / Quelle: TSV)

Den frischen Wind bringen aber nicht allein die jüngst erbauten Anlagen mit sich. Auch der neue Vorstand mit Fritz Broscheit und dem Schullehrer Werner Könemann, sowie die verjüngten Abteilungsleiter motivieren immer mehr Menschen, sich sportlich zu engagieren. „Es ist wohl vor allem Werner Könemann zu verdanken, dass der TSV Oerlinghausen einen solchen Zuspruch erhalten hat", sagt Hans-Herbert Heißenberg, der später viele Jahre im Vorstand des TSV tätig ist, „denn seine Möglichkeiten, den Schulsport mit dem Vereinssport zu verbinden, hat junge Leute motiviert, sich insbesondere in der Leichtathletik zu engagieren".

Die neue Sportanlage am Kalkofen wird schnell zum Mittelpunkt weiterer Großveranstaltungen. Schon im Frühjahr 1964 starten hier die Mehrkampfmeisterschaften des Kreises Lemgo mit sehr guten Ergebnissen für die Oerlinghauser Sportler. Kurz darauf läuft der Kreis-Jugendtag des Deutschen Fußballbundes auf der Anlage. Als absoluter Höhepunkt gilt die Ausrichtung des Bezirksturnfestes, bei dem eine Rekordbeteiligung von 500 Schülerinnen und Schülern sowie 250 erwachsenen Sportlern zu verzeichnen ist. Und der TSV Oerlinghausen ist mit zehn ersten Plätzen der erfolgreichste Verein. Namen von Leichtathleten wie Marianne Klocke, Anita Kronshage, Erwin Berghammer, Werner Könemann, Fritz Wollny, Lothar Leßmann, Anette Ober, Erwin Jörg, Egbert Schaffer, Christoph Schoess, Hans-Herbert Heißenberg, Stefan Lange, Hans-Georg Pott oder Harald Staisch tauchen immer wieder auf.

Auch international engagiert sich der TSV: Im Jahr 1965 läuft das erste „Deutsch-Englische Sportfest" auf der Anlage am Kalkofen. Das Ziel dabei ist, die vielen britischen Mitbürger der Südstadt nochbesser zu integrieren. Zu einem weiteren lustigen und sehr beliebten Wettbewerb entwickelt sich eine Idee von Werner Könemann: ein „Familienwettkampf" lockt erstmals auch eher sportferne Menschen ins Stadion. Eine neue „Mutter-Kind-Turngruppe" unter der Leitung von Christa Könemann findet auch über Oerlinghausen hinaus an Beachtung. Und die Ski-Gruppe aus der Bergstadt nimmt an den Lippischen Skimeisterschaften am Hangstein in Berlebeck teil. Den größten Erfolg kann der Verein im berühmten deutschlandweiten Sportabzeichen-Wettbewerb verbuchen. Im Jahre 1965 erwerben etwa 100 Oerlinghauser das Sportabzeichen. Das bedeutet den zweiten Rang in Nordrhein-Westfalen, auf Platz Eins liegt der Verein im Regierungsbezirk Detmold.

Neue weitere Abteilungen bilden sich im TSV: eine Volkstanzgruppe, eine„Hausfrauenabteilung", Tischtennis geht an den Start, Volleyball und seit 1968 auch eine Tennisabteilung, die anfangs auf einem Platz hinter der Fröbelschule trainiert. Die hohe Popularität des Sports zieht immer weitere Interessierte an. Am Ende des Jahrzehnts ist der TSV Oerlinghausen auf etwa 1.140 Mitglieder gewachsen – die absolut größte Sportvereinigung im Kreis Lemgo.

„Die Aufbruchstimmung und die neuen Sportarten der 60er Jahre haben Oerlinghausen verändert", fasst Hans-Herbert Heißenberg das Phänomen zusammen, „war früher nur Ballspielen und Turnen angesagt, so brachten viele Sportarten die Menschen nun zu einem ganz anderen Freizeitverhalten."

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