Oerlinghausen. Lars Martinen redet nicht lange drum herum. „Tätowieren tut weh“, bestätigt der gebürtige Nordfriese, der mittlerweile in Kopenhagen lebt. Bei der Tattoo-Convention im Archäologischen Freilichtmuseum (AFM) praktiziert er das nordische Handstechen, dessen Entwicklung die Wikinger maßgeblich beeinflusst haben. Sie schmückten ihre Körper mit komplexen Symbolen und Designs, die ihre Tapferkeit, Loyalität und Verbindung zu den Göttern repräsentierten. Insgesamt 14 Tätowier-Künstler aus acht Ländern sind ein Wochenende lang zu Gast im Museum. Sie alle eint, dass sie auf elektrisches Werkzeug verzichten. „Deshalb“, sagt Lars Martinen, „ist der Schmerzlevel nicht ganz so hoch.“ Einige, die sich über Stunden hinweg tätowieren lassen, schlafen dabei sogar ein. Anne aus Dortmund, die sich soeben in einem der anderen Zelte einen stilisierten Raben hat stechen lassen, führt das auf den gleichbleibenden Rhythmus zurück. „Für mich war das eher meditativ“, sagt die 42-Jährige. Das Motiv des Raben scheint nicht nur bei ihr einen besonderen Reiz ausgeübt zu haben. Auch andere Besucherinnen und Besuchern haben sich dafür entschieden. Natalie Müller aus Castrop-Rauxel beispielsweise. Schon vor einigen Wochen hat die 37-Jährige Lars Martinen angeschrieben und sich am Wochenende auf den Weg in die Bergstadt gemacht. Der Rabe auf dem linken Oberarm entsteht nach und nach. „Er steht für die germanische Mythologie“, weiß der erfahrene Tätowierer und auch, dass das Tier als „Vermittler zwischen den Welten“ gilt. Während ganz in der Nähe eine fertige Körperarbeit mit einer Folie eingewickelt und geschützt wird, rät Lars Martinen dazu, die Tätowierung einfach trocknen und atmen zu lassen. „Überpflege ist das Schlimmste“, weiß er. „Der Körper regelt das schon selber.“ Zwei bis drei Tage dauere es in der Regel, bis die Haut an der Oberfläche heile und drei bis vier Monate bis zur vollständigen Heilung. Für Andreas aus Rietberg ist es eine Premiere. Sein erstes Tattoo ist ein Drache, „angelehnt an Funde aus Norwegen in freier Interpretation“. Handpoke heißt die Technik, in der Künstler Halfdan aus Belgien dem 36-Jährige den Arm verschönert. Die Nadel wird dabei punktweise in die Haut gestochen. Dauer: Fünf bis sechs Stunden. Michael Schröder aus Oerlinghausen hat sich mit 20 Jahren sein erstes Tattoo, einen Delphin, auf dem Rücken stechen lassen. 20 Jahre später entschied er sich für die großflächige Gestaltung seines Lieblingsgedichtes plus Rabe auf dem Oberarm. „Ich halte den Raben für ein sehr intelligentes Tier“, begründet Schröder seine Wahl. Nach dem Besuch im Museum ziert ein Ornament, das Ähnlichkeit mit einem Drachen hat, den anderen Arm. Heiko Runksmeier ist selbst seit mehr als 30 Jahren Tätowierer mit eigenem Studio in Lemgo. Warum sich Menschen dafür entscheiden, sich tätowieren zu lassen, „darauf gibt viele Antworten“, sagt der 52-Jährige. Für den gelernten Holzbildhauer ist es „die einzig lebende Kunstform“. Runksmeier erläutert, warum er so denkt. „Eine Tätowierung wird älter mit der Person, die sie trägt, verändert sich mit ihr, und wenn man stirbt, dann stirbt das Tattoo mit einem.“ Holz hingegen sei eine tote Figur, die bleibe. Ein Tätowierer, sagt Runksmeier, brauche nicht zwingend künstlerisches Geschick, sehr wohl aber eine ruhige Hand. „Und natürlich ist Sauberkeit das oberste Gebot“, betont er. Den Tattoo-Hype führt auf den Wunsch zurück, sich auszudrücken. Und wenn Menschen sich nach Jahrzehnten entscheiden, ein Tattoo entfernen zu lassen? Das sei durchaus möglich, hinterlasse heutzutage kaum noch Narben. Nur eines, das sei Fakt: „Lasern tut fünfmal so weh wie tätowieren.“