Oerlinghausen. Es gibt nur wenige Plätze in der Bergstadt, die das „gute, alte Oerlinghausen“ so verkörpert haben wie die Gaststätte „Am Marktplatz“. Wo heute Sushi, Pizza oder Gyros die Gastronomie abbilden, standen seinerzeit handgebratene Koteletts und Frikadellen auf der Karte. Und wo heute jeder sein Feierabendbier aus dem heimischen Keller holt, ging man damals vor Willi Obermarks Theke und ließ sich ein exakt gezapftes Sieben-Minuten-Pils schmecken. Dazu gab’s jede Menge Informationen über Stadtpolitik, die Nachbarschaft oder das anstehende Schützenfest. Ziemlich genau 40 Jahre lang existierte die beliebte Kneipe, die ursprünglich als Bus-Endstation der Bielefelder Verkehrsbetriebe mit Wartehalle und Kiosk geplant wurde. „Am Himmelfahrtstag 1952 haben wir das Lokal eröffnet“, erinnert sich die ehemalige Gastwirtin Erika Obermark, „1992 war dann Schluss, der Marktplatz wurde umgestaltet, die Sparkasse übernahm das Grundstück und baute das heutige große Gebäude“. Die gesamte Busschleife erhielt Anfang der 90er Jahre ein neues Aussehen. Schindowskis Obst- und Gemüseverkauf auf der Verkehrsinsel wurde eingestellt. Der Marktplatz, auf dem früher Zirkusse gastiert hatten, die große Kirmes stattfand und über den alle Schützenaufmärsche liefen, ging in einem Parkplatz auf. Bürgermeister als Pächter Anfang der 50er Jahre, als im Nachkriegsdeutschland überall neue Bauten entstanden, hatte auch Oerlinghausen begonnen, sein Stadtzentrum zu renovieren. Und mittendrin entstand die Gaststätte „Am Marktplatz“. Horst Steinkühler, ehemaliger Bürgermeister und Landtagsabgeordneter, weiß sogar noch, dass das Gebäude Anfang der 50er Jahre im gleichen Stil wie das Nachbarhaus des Arztes Dr. Joachim Nitz errichtet wurde: „Einheitliches Mauerwerk aus Sand- und Bruchsteinen.“ Pächter von Bierlokal und Kiosk war der damalige Bürgermeister Heinrich Kramer. Da er als ehrenamtlicher Bürgermeister nur über ein geringes Einkommen verfügte, sicherte ihm die Stadt Oerlinghausen so eine gewisse zusätzliche Existenzgrundlage. Die eigentliche Gastronomin jedoch war von Anfang an seine Tochter Erika, die – nachdem sie ihren Mann Willi Obermark kennengelernt hatte – gemeinsam mit ihm das Lokal bis zum Schluss betrieb. „Damals gab es viel mehr Buspendler nach Bielefeld“, sagt Erika Obermark, die demnächst ihren 90. Geburtstag feiert, heute, „500 bis 600 Monatskarten haben wir in den 50er Jahren verkauft.“ Und da seinerzeit bei manchen Oerlinghausern das Geld für die monatliche Fahrkarte knapp war, musste sie häufiger das Geld erst vorstrecken, damit jeder zur Arbeit fahren konnte. Dazu kam der Eis- und Süßigkeitenverkauf im Kiosk und – ganz wichtig – die Tabakwaren. „Ich weiß noch heute, welche Zigarettensorte jeder rauchte.“ Da lagen Zigarettenmarken in den Regalen, die heute kaum noch jemand kennt: Red Rock, Overstolz, Eckstein, Senoussi, Gold Dollar und so weiter. Dazu kamen Zigarren der Marke „Bergstadt“, die aus Carl Plassmeiers Großhandel stammten. Ein Bier braucht seine Zeit Die Sitzplätze in der Bierkneipe waren überschaubar. Drangvolle Enge herrschte oft vor Willi Obermarks hölzerner Theke. Doch auch wenn die Gäste in Dreierreihe vor seinem Ausschank standen, ließ sich Willi nie aus der Ruhe bringen. Er zapfte stets nach seinen Regeln, wonach eine Schaumkrone im Bierglas eben ihre Zeit brauchte. Legendär waren die Abende nach Ratssitzungen oder nach Wahlen, vor allem wenn die SPD gewonnen hatte. Dann tobte das Leben in der Gaststätte, und aus Willis Zapfhahn strömte das Bier sogar nach der Polizeistunde. Wegen der Nähe zu den „Sozis“ tauchte irgendwann auf einem Schützenfest sogar ein neuer humoriger Name für das Bierlokal auf: „Rote Kapelle“, wohl auch in Anlehnung an einen berühmten Film in der Nachkriegszeit. Überschaubar war die Länge der Speisekarte. Doch von dem, was an Selbstgebratenem und frisch angerichteten Speisen aus Erika Obermarks kleiner Küche kam, schwärmen viele Oerlinghauser heute noch. An „Frikadellen, wie man sie in der ganzen Gegend kein zweites Mal fand“, denkt Klaus Biere, ehemaliger Ratsherr, noch heute zurück. Die Koteletts mit Bratkartoffeln galten als der Hit. Auch Erika Obermark erinnert sich amüsiert an einen Kreis von vier älteren Herren, die jahrzehntelang jeden Donnerstagmittag zum Essen kamen und ihre Koteletts bis auf den kleinsten Knochen abnagten. Bemerkenswert war übrigens die Abrechnung der Speisen und Getränke. Es galt das „System Willi“, meint Klaus Biere. Nie brauchte der Gast sich um Striche oder Zahlen auf dem Deckel zu kümmern, die gab es nicht. Denn die hundertprozentig stimmige Abrechnung für jeden fand in Willi Obermarks Gedächtnis und auf einem kleinen Zettel hinter der Theke statt. Erika Obermark näht Abzeichen an Praktisch alle Sport- und Gesangvereine, Freundesgruppen und Stammtischrunden zählten zu den Gästen des Lokals. Da kamen die Oerlinghauser Schützen vor dem Antreten auf dem Marktplatz noch schnell auf ein Bier vorbei. Und da huschten die Schüler des Gymnasiums heimlich in Freistunden herein, um bei einer Limo oder Cola eine Runde Skat zu spielen. Hochkonjunktur herrschte vor allem während des Schützenfestes. Zwar fand das bunte Treiben auf dem Schützenplatz statt, doch das traditionelle „Antreten“ lief stets auf dem Marktplatz. Und da entwickelte sich die Gaststätte schon mal zu einer echten Nähstube. „Immer wieder mal kamen die Schützen, die befördert werden sollten, ins Lokal und sagten: Erika, kannst du nicht gerade mein neues Abzeichen auf den Ärmel nähen? Da musste man dann sehr schnell aushelfen“, sagt Erika Obermark mit einem Lächeln.