Oerlinghausen. Um 18.30 Uhr soll Herbert Reul in der Aula des Niklas-Luhmann-Gymnasiums im Gespräch mit Jochen H. Peters über das Thema Sicherheit reden. Um 18.28 Uhr fährt das Auto mit dem NRW-Innenminister vor. Begleitet von Personenschützern, wählt Reul nicht etwa den Hinter- sondern, ebenso wie die 600 Besucherinnen und Besucher, den Vordereingang, wird von Bürgermeister Peter Heepmann und Landrat Meinolf Haase begrüßt. Um 18.30 Uhr sitzt er auf der Bühne, zieht seine Socken hoch und findet klare Worte. Für einen Moment der Erheiterung sorgt Reul gleich zu Beginn, als er das Publikum, das ihm applaudiert, mit seinem Smartphone aufnimmt. „Dass der Innenminister sich Zeit nimmt, um nach Oerlinghausen zu kommen, ist alles andere als selbstverständlich“, sagt Cerrin Wehrmann-Ristau von der Buchhandlung Blume, die den Abend veranstaltet. „Zu verdanken haben wir das Jochen Peters.“ Ein Buch als Herzensanliegen Der in der Bergstadt lebende Krimiautor und ehemalige Kriminalbeamte kennt Herbert Reul, seit der 2017 sein Amt angetreten hat. Dass er einmal ein Buch schreiben würde, das hatte der mittlerweile 73-Jährige stets kategorisch ausgeschlossen. „Da war ich zu 180 Prozent sicher“, betont Reul. Dass er sich dennoch überzeugen ließ und auf 192 Seiten beschreibt, „was sich ändern muss“, bezeichnet er im Nachhinein als „Herzensanliegen“. Anfangs, das gibt Reul unumwunden zu, habe er von den Aufgaben des Amtes „keine Ahnung gehabt“. Er arbeitete sich intensiv in die Themen ein. „Für mich war das Wichtigste, nicht nur zu reden, sondern zu machen“, betont er. „Viele Bürger trauen der Politik nicht mehr zu, dass sie Probleme lösen und ein sicheres Umfeld schaffen kann“, sagt Reul. Vertrauen sei verloren gegangen. „Viele haben das Gefühl, nicht gehört und gesehen zu werden.“ Mit dieser Entwicklung „will ich mich nicht abfinden“, betont der Innenminister. Er möchte vielmehr für den Staat werben. „Am Ende kommt es darauf an, Vertrauen zurückzugewinnen, und zwar durch praktische Arbeit“. Sein Leitspruch lautet: „Kleine Schritte statt dicke Sprüche, das habe ich schon von meiner Mutter gelernt.“ Reul sagt auch: „Ich habe keine Lust, dass wir den Laden irgendwelchen Leuten überlassen.“ Klar spricht sich Reul gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. „Dann wäre für mich Schluss, das halte ich für brandgefährlich.“ Jochen Peters will es noch genauer wissen. Kurze Antwort von Reul: „Alles, was Extremismus ist, ist Mist. Punkt!“ Brandmauer? „Den Begriff kann ich nicht mehr hören.“ Stadtbildaussage von Friedrich Merz? „Die Formulierung war nicht besonders klug, aber sie war in der Sache richtig.“ Beifall vom Publikum. Statement zum Lügde-Skandal Auch der Kindesmissbrauchsfall von Lügde wird thematisiert. „Jetzt brennt die Hütte, jetzt musst du dich kümmern“, das habe er schnell begriffen, sagt Reul und bekommt Applaus, als er von einer Verfünffachung des Personals in diesem Bereich erzählt. „Die Polizei hat mehr bewegt als all die Klugscheißer in den Jahren zuvor.“ Dem Widerstand zum Trotz hatte Reul für Ansprechpartner in den Behörden gesorgt, mit denen Polizisten über das Erlebte reden konnten. Bei vielen Dingen, das hebt Reul immer wieder hervor, brauche es nur den normalen Menschenverstand. Er spricht sich für den Austausch zwischen Polizisten und Migranten aus, um ein besseres Verständnis auf beiden Seiten zu schaffen. Er plädiert auch dafür, Kinder vor übermäßigem Social-Media-Konsum zu schützen, und warnt davor, Sicherheitsmaßnahmen etwa bei Weihnachtsmärkten zu übertreiben. „Einbunkern, das ist nicht unsere Form des Lebens.“ Honorar als Spende für die Polizeistiftung Wie er in die Zukunft blickt, möchte Jochen Peters von Herbert Reul wissen. „Total optimistisch“, sagt der. In seinem Leben habe er nur Frieden erlebt und überschaubare Kriminalität. Deutschland sei eine von elf echten Demokratien in der Welt. „Das lassen wir uns nicht kaputtmachen.“ Reul spricht damit die Zukunft der folgenden Generationen an. Jugendliche aber sind nur vereinzelt im Auditorium vertreten. Sein Honorar für den Abend spendet Reul an die Polizeistiftung NRW. Jedem und jeder Einzelnen in der langen Menschenschlange, die sich am Ende vor der Bühne bildet, schreibt er in eine Widmung in sein Buch und erfüllt zwischendurch jeden Wunsch nach einem Selfie und stellt sich am Ende zu den Polizisten, die an diesem Abend vor Ort sind.