Schilderungen eines Auschwitz-Experten

Dirk-Ulrich Brüggemann

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Detmold. Wenn es nach den Anwälten der Nebenkläger geht, wird auch der bereits verurteilte SS-Wachmann Oskar Gröning aus Lüneburg vor dem Detmolder Landgericht aussagen. Dort wird dem ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning aus Lage der Prozess gemacht. Dem 94-jährigen Angeklagten wird Beihilfe zum Mord an mindestens 170.000 Menschen im Vernichtungslager Auschwitz zur Last gelegt. Die Verhandlungsdauer ist aus Gesundheitsgründen auf zwei Stunden pro Tag beschränkt.

Die Anwälte mehrerer Nebenkläger beantragten vor der Schwurgerichtskammer, Oskar Gröning vorzuladen. Gröning und Hanning waren beide in Auschwitz eingesetzt, zum Teil zur selben Zeit. Gröning wurde im Juli 2015 wegen Beihilfe zum Massenmord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. In Detmold könnte er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.

Für den elften Verhandlungstag am Freitag, 29. April, hat die Verteidigung von Hanning eine Erklärung des Angeklagten angekündigt. "Er wird sich aber nicht selbst äußern. Ich werde eine vorbereitete Erklärung verlesen", sagte Rechtsanwalt Johannes Salmen, der zusammen mit Andreas Scharmer den 94-Jährigen vor Gericht vertritt.

Zu Prozessbeginn wies das Gericht den Antrag von Rechtsanwalt Christoph Rückel ab, die drei Nebenkläger Elizabeth Lefkovits, Helen Weingarten und Murray Lynn im deutschen Generalkonsulat in Atlanta/USA zu vernehmen. Alle drei Nebenkläger können die Strapazen einer Reise nach Detmold aus gesundheitlichen Gründen nicht aufnehmen.

Historiker berichtet über SS-Totenkopfverbände
Als Gutachter hatte das Landgericht unter Vorsitz von Richterin Anke Grudda dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora aus Nordhausen, Stefan Hördler, geladen, der dem Schwurgericht über die Abläufe in Auschwitz und über die Funktionen im Vernichtungslager Auschwitz berichtete.

Als der 38-jährige Historiker aus Weimar über die militärischen Gliederungen der SS-Totenkopfverbände berichtet, deren Hauptaufgabe die Bewachung und Verwaltung der von der SS errichteten Konzentrationslager war, schaute der 94-jährige Angeklagte, der am neunten Verhandlungstag wieder mit dem Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben wurde, interessiert auf die Leinwand.

Hördler berichtete dem Gericht, dass sich die SS-Männer immer wieder begegneten und dass es eine starke Fluktuation zwischen den SS-Feldeinheiten an der Front und Wachmannschaften der Vernichtungslager gegeben hat.

Nach Hördlers Recherchen hat es zeitweise auch bis zu drei Kompanien in Auschwitz gegeben. "Es bestand jedoch immer die Chance, sich bei der SS an die Front zu melden", sagte der Experte und erklärte, dass nur deutsche Staatsbürger bei der SS aufgenommen worden seien.

"Ab 1941 bildete die SS aber im Zwangsarbeiterlager Trawniki Hilfswillige aus den besetzten Ländern aus, die bei der Durchführung des Völkermords an den Juden eingesetzt wurden", so Hördler. In Auschwitz wurden diese Männer in der 8. Kompanie zusammengefasst. Hördler wird sein Gutachten am Freitag, 22. April, in Detmold fortsetzen.

Termin verpasst
Nicht ganz präsent hatte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck aus Vlotho die genauen Prozesstermine. Die 87-Jährige wollte mit ihrem Gefolge am achten Prozesstag als Zuschauer teilnehmen.

Das Gericht hatte die Verhandlung auf Mittwoch terminiert, Ursula Haverbeck tauchte dann am Donnerstag mit 24 Stunden Verspätung vor dem Saal der Industrie- und Handelskammer zu Detmold auf und wunderte sich, dass dort kein Gerichtstermin stattfand. Der IHK-Hausmeister klärte die Seniorin auf.

Prozessausfall
Eine ehemalige SS-Helferin, die wegen Beihilfe zur Ermordung von mehr als 260.000 Juden angeklagt ist, muss sich vorerst nicht in Kiel vor Gericht verantworten. Die 92-Jährige sei derzeit nicht verhandlungsfähig, teilte eine Gerichtssprecherin mit. Die Frau soll von Ende April bis Anfang Juli 1944 als Funkerin in Auschwitz gearbeitet haben.

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