Vertrauter von Hanning soll als Zeuge aussagen

Verurteilter SS-Mann Oskar Gröning sagt nicht in Detmold aus

Silke Buhrmester

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Der Angeklagte Reinhold Hanning im Verhandlungssaal zwischen seinen Anwälten Andreas Scharmer und Johannes Salmen. - © Bernhard Preuß
Der Angeklagte Reinhold Hanning im Verhandlungssaal zwischen seinen Anwälten Andreas Scharmer und Johannes Salmen. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Der ehemalige SS-Wachmann Oskar Gröning , der im vergangenen Jahr vom Landgericht Lüneburg wegen 300.000-facher Beihilfe zum Mord in Auschwitz verurteilt worden ist, wird im Detmolder Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning nicht aussagen.

Das Landgericht unter Vorsitz von Anke Grudda hat einen Beweisermittlungsantrag der Nebenklage-Vertreter am Freitag abgelehnt. Grönings Anwalt hatte auf Nachfrage Gruddas erklärt, dass sein Mandant von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen würde, da das Urteil gegen ihn - vier Jahre Haft - noch nicht rechtskräftig ist.

Da der in Detmold Angeklagte Reinhold Hanning , dem die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Auschwitz in mindestens 170.000 Fällen vorwirft, auch am zehnten Prozesstag zu seiner Rolle im KZ von 1942 bis 1944 schwieg, benannte der Nebenkläger-Vertreter Onur U. Özata noch einen weiteren Zeugen - einen Bekannten Hannings, ebenfalls aus Lage. Er war bei einer dreimonatigen Telefonüberwachung Hannings durch das LKA im Jahre 2014 aufgefallen.

In einem Telefonat hatten sich die beiden Männer über den Krieg und den Einmarsch in Russland unterhalten: "Der Mann hat offenbar ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Herrn Hanning und vielleicht hat er ihm etwas über seine Zeit in Auschwitz erzählt", begründete Özata seinen Antrag. Über den wird das Gericht nach der Verlesung der Erklärung von Reinhold Hanning entscheiden. Die hat Verteidiger Johannes Salmen für den 29. April angekündigt.

Im Mittelpunkt des zehnten Prozesstages stand erneut das Gutachten des Historikers Dr. Stefan Hördler. Er konnte nur mutmaßen, warum Hanning sich in jungen Jahren freiwillig zur Waffenn-SS gemeldet und für zwölf Jahre verpflichtet hatte. Vielleicht sei es Gefühl gewesen, einem „rassistisch hochwertigen Verband" anzugehören. Nach einer Verwundung an der Front war Hanning, wie berichtet, zur dritten Kompanie Totenkopfsturmbann des Stammlagers Auschwitz I gekommen.

„Die dritte Kompanie hat im Rahmen der Ungarnaktion nur eine untergeordnete Rolle gespielt, dafür aber umso mehr 1943", erklärte Hördler, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, am zehnten Prozesstag. Zwar sei sie an den rollierenden Wachdiensten beteiligt gewesen, vor allem bis zum Bau der neuen Rampe in Auschwitz-Birkenau Ende Mai 1944. Hördler wies nach, dass die dritte Kompanie bei punktuellen Massendeportationen aus anderen Konzentrationslagern und Ghettos in Polen im Jahre 1943 immer wieder Wachdienste an der Rampe geleistet hatte – und zwar in voller Stärke: Zum Beispiel am 24. Januar 1943, als 5.466 Menschen in Auschwitz ankamen – 4.317 seien sofort ermordet worden.

Der Experte ließ keinen Zweifel daran, dass Unterscharführer wie Hanning umfassende Kenntnis über die Vorgänge in Auschwitz gehabt hatten und als Gruppenführer eine „besondere Befehlsgewalt" hatten. Und er räumte auch mit der Mär auf, dass die SS-Männer keine Wahl gehabt hätten als im KZ Dienst zu tun. Es gebe keine Hinweise darauf, dass jemand bestraft worden sei, weil er sich zur Front versetzen ließ – im Gegenteil, Freiwillige seien seit 1941 dringend gesucht worden, und Hanning sei kriegsverwendungsfähig (KV) gewesen. Die Entscheidung, sich zum Kriegsdienst zu melden, sei jedoch eine sehr persönliche gewesen: Melde ich mich zur Ostfont oder ertrage ich das KZ und überlebe?

Der Prozess wird am Montag, 25. April, um 10 Uhr im IHK-Gebäude in Detmold fortgesetzt. Als zeugen sollen zwei LKA-Ermittler gehört werden.

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