Lage-Ehrentrup. Seit 90 Jahren ist der TuS Ehrentrup im Breitensport aktiv. Schon immer bewegte er sich dabei am Puls der Zeit: Waren bei seiner Gründung vor allem Handball und Turnen gefragt, erreichte der Tennis-Boom Anfang der 1990er Jahre auch den Lagenser Verein. Mittlerweile stellt Ju-Jutsu die größte Abteilung dar, zudem erfreuen sich die Trendsportarten großer Popularität. Aktuell zählt der TuS 480 Mitglieder, von denen knapp die Hälfte jünger als 18 Jahre ist.
Zum runden Geburtstag, der jüngst mit einem Sommerfest rund um das Vereinsheim an der Pivitsheider Straße gefeiert wurde, hat Wolfgang Prante nun eine neue Chronik zusammengestellt. Der zweite Vorsitzende ist das dienstälteste Vorstandsmitglied und insgesamt bereits mehr als 60 Jahre im Verein aktiv. „Als in den Jahren nach der Inflation das Turnen und der Rasensport im Lipperland mehr und mehr an Boden gewannen, regten sich auch die Sportbegeisterten in Ehrentrup", schreibt Prante in dem mehrseitigen Dokument.
Es ist überliefert, dass 62 Männer und Jugendliche am 22. April 1928 in der Gaststätte „Junghärtchen" zusammenkamen, um den Turn- und Sportverein Ehrentrup mit den Sportarten Handball, Turnen und Leichtathletik zu gründen. Die damals noch selbstständige Gemeinde stellte dem Verein das Brachland „Brandings Heide" für den Spielbetrieb zur Verfügung. Ein Ort mit Tradition: Noch heute befindet sich hier die Tennis- und Freizeitanlage, und auch mit der Stadt Lage ist festgelegt, dass für die Nutzung des Geländes keine Gebühren zu entrichten sind, solange hier Sport stattfindet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte mit der Rückkehr mehrerer bewährter Handballspieler aus der Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 die Neugründung des Vereins mit 45 Mitgliedern. „Die Neugestaltung des Sportplatzes an der Pivitsheider Straße und des Sporthäuschens wurden im Juni 1951 mit einer groß angelegten Sportplatzweihe gefeiert", berichtet Prante weiter. Es folgte die Blütezeit des Handballsports auf dem Großfeld und in der Schulturnhalle, die mit dem Aufstieg in die damalige Ostwestfalen-Liga 1965 ihren Höhepunkt erreichte. Zuvor war Prante im Alter von 20 Jahren zum Handballschülerwart gewählt worden. Eine 1968 gegründete Tischtennisabteilung besteht heute nicht mehr, 1974 wurde die Handballabteilung in die Handballspielgemeinschaft HSG Lage/West (mit dem SuS Wissentrup) ausgegliedert.
Stattdessen rückte die Turnabteilung in den Mittelpunkt, die nicht nur mit Turnschauen bei öffentlichen Veranstaltungen, sondern ab 1977 auch mit einer neuen Sportart auf sich aufmerksam machte: Ju-Jutsu. Das Interesse an der Selbstverteidigung und klassischen Kampfkunst ist bis heute ungebrochen, so dass sie mittlerweile nicht nur eine eigene, sondern zugleich die mitgliederstärkste Abteilung im TuS ist, die zudem nicht zuletzt dank des Engagements von Trainer Bernd Nötzel auch ein hohes sportliches Leistungsniveau aufweist. Vereinsvorsitzender Harald Stegemann ist zugleich Leiter der Ju-Jutsu-Abteilung, während die Turnabteilung, geführt von Lilia Klassen und Christina Zier, zahlreiche weitere Angebote bereithält. Sei es das Eltern-Kind-Turnen, das bereits ab einem Alter von elf Monaten begonnen werden kann, „Spiel und Sport" für Vier- bis Sechsjährige oder die Tanzgruppe für Mädchen der ersten und zweiten Klasse: Bereits für die Kleinsten ist etwas dabei.
Zwei Jahre nach einem ersten Mitgliederbeschluss und einer Bauvoranfrage bei der Stadt Lage wurde 1984 die Tennisabteilung gegründet, die heute von Jürgen Blachowski geleitet wird. Trotz „erheblicher behördlicher Auflagen und Widerstände", wie Prante es berichtet, gelang dem damaligen, 1987 verstorbenen Vorsitzenden Eugen Früchel die Fertigstellung der Tennis- und Freizeitanlage, die zwischenzeitlich auf sechs Tennisplätze anwuchs. Die Erfolge von Boris Becker und Steffi Graf führten bundesweit zu einer hohen Nachfrage; so auch in Ehrentrup, wo der Verein zum Jahreswechsel 1991/92 mehr als 750 Mitglieder zählte. „Rund die Hälfte davon war in der Tennisabteilung", erklärt der heutige Vereinsvorsitzende Harald Stegemann. „Zeitweise musste sogar ein Aufnahmestopp verhängt werden." Zwei Damen-, sechs Herren- und vier Jugendmannschaften mit Aufstiegen bis in die Bezirksliga, dazu die Erweiterung des Vereinsheims: Der TuS Ehrentrup wusste in diesen Jahren vom Tennis-Boom zu profitieren.
Der ebbte in den Folgejahren wieder ab, doch dafür gründeten sich zwei weitere Abteilungen, die aktuell beide von Harald Fleiter geleitet werden: Im März 2006 kam eine Nordic-Walking-Abteilung hinzu, 2015 wurde die Boule-Anlage eingeweiht. Im selben Jahr gewann Lea Wulf die Deutsche Meisterschaft im Ju-Jutsu-Bodenkampf – nur ein Beweis, dass der TuS Ehrentrup nicht nur eine Top-Adresse im Breitensport ist, sondern auch im Leistungssport immer wieder Erfolge feiert. Besonderen Zulauf erfährt in jüngster Zeit zudem die Trendsportabteilung von Pascal Arend.
Trotzdem: Die Nachwuchssorgen machen auch vor dem TuS nicht Halt. „Aktuell haben wir zahlreiche Mitglieder, die sehr engagiert sind", sagt Stegemann. „Aber viele von ihnen machen das nur noch zwei bis drei, vielleicht fünf Jahre." Seit knapp einem Jahr leitet er die Geschicke des Vereins. Seine Wahl war notwendig geworden, weil der amtierende Vorsitzende Gerhard Kulemann am 26. Oktober 2017 plötzlich im Alter von nur 66 Jahren verstorben war. „Der TuS vermisst seine freundliche, ruhige, kompetente und hilfsbereite Art", schreibt Prante über Kulemann, der jahrzehntelang im Verein aktiv gewesen war. 2013 hatte er den Vorsitz von Dieter Strate, mittlerweile Ehrenvorsitzender, übernommen, der das Amt nach dem Tod Eugen Früchels 1987 zunächst kommissarisch, ab 1988 mit der Wahl bei der Jahreshauptversammlung dann auch offiziell 25 Jahre lang bis 2013 ausgeübt hatte.
Leider war es Kulemann nicht vergönnt, die 90-Jahr-Feier mitzuerleben, zu der ein Festausschuss um Kerstin Sigges-Konik ein Programm auf die Beine gestellt hatte, das den Verein so präsentierte, wie er ist: bunt, abwechslungsreich und für die ganze Familie.
Jugger: Ein Mix aus Rugby und Ritterspiel
Neben Boule, Tanzen und Tennis stand beim Jubiläumsfest des TuS Ehrentrup auch eine Sportart auf dem Programm, die bei vielen Besuchern für besondere Spannung sorgte. Jugger ist eine von vier Disziplinen der Trendsportabteilung im TuS, die von Pascal Arend geleitet wird. Der Mix aus Rugby und Ritterspielen sieht aber nur auf den ersten Blick gefährlich aus.
Ziel des Spiels, das auf dem Film „Die Jugger – Kampf der Besten" basiert, ist es, dass der Läufer eines Teams den Ball (Jugg) im an ein Nest erinnernden Tor (Mal) der gegnerischen Mannschaft unterbringt. Alle anderen Spieler tackeln sich derweil oder versuchen, den Läufer zu blocken, denn wer von einem der Schlaggeräte, die von den einhändig geführten Kurzpompfen über zwei Meter lange Q-Tips bis hin zum rund drei Meter langen Kettenball reichen, getroffen wurde, muss für einen Moment aussetzen. Arends hat die Pompfen selbst gebaut. Ihr Name ist feinste Onomatopoesie: „Pompf" ist das Geräusch, das beim Aufprall entsteht.
Die Geräte sind jedoch gut gepolstert und haben keine scharfen Kanten, so dass das Verletzungsrisiko nicht größer ist als bei anderen Teamsportarten. „Wir sprechen auch bewusst nicht von Waffen, sondern von Schlaggeräten", betont Arend. „Waffen sind zum Verletzen und Töten da." Ein besonders großer Fan des wachsenden Trendsports ist übrigens Dr. Karsten Stolz: Der Lagenser Apotheker hat dem TuS nicht nur das Anfangsset im Wert von 600 Euro gesponsert, sondern zahlt auch jährlich bis zu zehn neue Trikots.
Mit Muggel-Quidditch wurde derweil die wichtigste Sportart aus den Büchern und Filmen über den Zauberer Harry Potter adaptiert. In der Fantasywelt von Autorin Joanne K. Rowling fliegen die Sportler auf ihren Besen; in der Realität von Ehrentrup spielt sich alles auf dem Boden ab – als Mischung aus Handball, Völkerball, Rugby und Fangen. Einen Besen zwischen den Beinen haben die Spieler trotzdem, zudem nehmen sie dieselben Rollen wie im fiktiven Original ein: Es gibt Treiber, die versuchen, die Gegner mit Klatschern abzuwerfen und so einen Moment außer Gefecht zu setzen.
Das Ziel der Jäger ist es derweil, den Quaffel durch einen von drei Ringen zu werfen, die vom gegnerischen Hüter verteidigt werden. Und wie einst Harry Potter haben die Sucher die Aufgabe, den Schnatz zu fangen. Beim Muggel-Quidditch wird er nach dem Ablauf der 16. Spielminute von dem neutralen „Snitch Runner" als Tennisball in einer Socke, die wiederum in dessen Hosenbund befestigt ist, ins Feld gebracht. Der Sucher, der die Socke erwischt, beendet das Spiel und beschert seiner Mannschaft 30 Extra-Punkte.
Hinzu kommen beim TuS Ehrentrup zwei weitere Trendsportarten: Stellt Flag Football eine kontaktfreie Variante des American Football dar, bei der Taktik und Schnelligkeit statt körperlicher Überlegenheit wichtig sind, ist beim ebenfalls berührungslosen Ultimate Frisbee ein gutes Zusammenspiel entscheidend, denn in dem sonst laufintensiven Spiel darf die Person, die im Besitz der Scheibe ist, sich nicht bewegen. „Die Teams spielen selbstregulierend ohne Schiedsrichter", erklärt Arend. „Das Fair Play steht hier also ganz besonders im Vordergrund."
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TuS Ehrentrup e.V.
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