Am 15. September kommt der Anruf. In sechs Stunden geht es los. Er hat Angst. Ein Mercedes hält am Treffpunkt. Er und neun andere Flüchtlinge steigen ein. Kreuz und quer werden sie eine Stunde durch Bodrum gefahren - um zu vergessen, woher sie kommen. "Für den Fall einer Verhaftung, wollen die Schleuser nicht, dass wir ihren Weg kennen." Irgendwo am Meer wird die Truppe rausgelassen - die Handys werden ihnen weggenommen. Mit einem kleinen Schiff fahren sie aufs offene Meer. Ein großes Boot wartet auf sie.
Die Flüchtlinge steigen um, die griechische Flagge wird gesetzt. "Wir waren als Touristenschiff getarnt." Am Hafen der Insel Kalymnos kommen sie an. Von den Frontex-Truppen gibt es keine Spur. Yacoub Hanna atmet auf, fährt weiter zum Flughafen von Athen. Doch dort fliegt er auf.
Die Kontrolleure merken, dass sein tschechischer Ausweis gefälscht ist. Eine Stunde wird er verhört. Er entscheidet sich für die Wahrheit: Er sei Christ aus Syrien und auf der Flucht. Seine Konfession habe ihm Glück gebracht. Sie lassen ihn laufen. Beim zweiten Mal probiert er es mit einem polnischen Ausweis. Wieder wird er weggeschickt. Ein weiterer Monat vergeht. Dann vermittelt ihm sein Kontaktmann eine letzte Möglichkeit.
Ein Lkw-Anhänger wird per Schiff nach Italien transportiert. Was die Mannschaft an Bord nicht weiß: Sie nehmen sechs Flüchtlinge mit. Drei Tage sitzt Yacoub Hanna auf nur einem Quadratmeter in dem Anhänger. Mit dabei: eine Flasche Wasser und ein paar Kekse. Immer wieder habe er mit dem Wasser seine Lippen befeuchtet, wollte nicht wahnsinnig vor Durst werden. Die Kriegserinnerungen kommen auf. "Ich sah immer wieder die Bilder von den Toten und Verletzten." Es überkommt ihn die Angst um seine Familie. "Selbstmordattentäter sind längst in meiner Heimatstadt." Er bekommt Panik - viele Flüchtlinge sind genau bei solchen Transporten gestorben.
In Italien angelandet, geht es mit dem Lkw weiter über Mailand. Raus können die Flüchtlinge immer noch nicht. Es ist für alle Beteiligten zu gefährlich. Bei einer Kontrolle, noch vor der Ankunft in Deutschland, hätte die Flucht für die Syrer und ihre Helfer ein jähes Ende gefunden.
Am 20. Oktober bekommt sein Verwandter in Gütersloh einen Anruf: "Ich bin in Deutschland. Hol mich ab." Die Verwandtschaft erwartet ihn. "Es wusste ja niemand, wann und vor allem ob ich jemals ankomme." Er ist in Sicherheit - einen Weg zurück gibt es für Yacoub Hanna nicht mehr. "In Syrien brauche ich mich nicht mehr blicken zu lassen."