Gütersloh. Er ist ein Deserteur - geflohen vor der Gewalt in Syrien. Als ihm befohlen wird, die ruhige Waffenkammer zu verlassen, um für Staatspräsident Baschar al-Assad auf Landsleute zu schießen, fällt Yacoub Hanna seine Entscheidung: Er will weg. Am 31. Mai 2013 beginnt seine Flucht von Damaskus nach Gütersloh.
"Ich hätte niemanden töten können, doch das wurde von mir verlangt", sagt Yacoub Hanna. Er soll kämpfen – er bekommt Angst: "Ich habe genug Freunde gesehen, die tot zurückgebracht wurden." Für ihn gibt es nur einen Ausweg: Raus aus dem Land. Vor ihm liegt ein gefährlicher Weg: 6.450 Kilometer durch fünf Länder.
Am 31. Mai beginnt sein Urlaub - die Chance. Er muss zur syrisch-türkischen Grenze. "Ohne offiziellen Urlaubsschein hätte ich es nicht geschafft. An der ersten Kontrolle hätten sie mich identifiziert." Er fliegt in seine Heimatstadt Kamischli in den Nordosten Syriens.
Seine Eltern sind eingeweiht. Der Vater verkauft seine Tischlerei und gibt ihm das Geld - 9.000 Euro braucht er für die Schleuser. "Ich war mir sicher, dass alles klappt. Meine Mutter weinte." Am nächsten Morgen steht er an der Bushaltestelle. Ein Freund des Vaters holt ihn ab. Es ist sein erster Schleuser. Sie fahren zu siebt mit einem Bulli los - Flüchtlinge sind sie alle, darüber gesprochen wird nicht. "Als Soldat hätte ich mich nicht zu erkennen geben dürfen." Sein Kontaktmann habe viele Flüchtlinge sicher rüber gebracht. Er kennt die Soldaten an der türkischen Grenze. Yacoub Hanna beschließt, ihm zu vertrauen. Am Grenzübergang kann er die Angst nicht mehr unterdrücken: "Mein Herz hat wild gepocht. Ich hatte Panik, dass mich jemand erkennt."
Es ist der erste Juni - die Gruppe hat es bis nach Istanbul geschafft. Der Kontaktmann fährt wieder nach Syrien - Yacoub Hanna bleibt in einem christlichen Heim zurück. Dort steckt er fest. Es fehlt ein Kontaktmann, der ihn bei der Flucht nach Griechenland hilft. Genau an dieser Grenze sei für viele Flüchtlinge die Reise zu Ende, da die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union (Frontex), also auch in Griechenland, wacht. "Ich konnte nichts tun, außer zu warten und zu hoffen." Mitte Juli klingelt das Telefon.
Seit zehn Tagen sitzt er in einem Hotel in Bodrum. Wieder klingelt das Telefon. Es ist sein Kontaktmann - morgen soll er nach Griechenland fliehen. Am nächsten Tag wartet der 27-Jährige am Treffpunkt. Niemand holt ihn ab. "Es wurde doch wieder zu gefährlich." Von seinem Schleuser hört er 20 Tage nichts. Er läuft durch die Stadt, versucht sich abzulenken. Schaut immer wieder auf sein Handy - vergeblich. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen.