Paderborn. Interna der Enthüllungsplattform? Fehlanzeige. Skandale um Agenten und Drohungen, um Edward Snowden oder Julian Assange? Auch dies nicht. Daniel Domscheit-Berg blieb verschwiegen. Sein Anliegen: das Publikum für die eigenen Daten im Internet zu sensibilisieren. Im Heinz-Nixdorf-Museumsforum hörten ihm am Mittwochabend knapp 800 Menschen zu - ein Besucherrekord für das Haus.
Nein, der Mitbegründer von Wikileaks sei er nicht. Gleich zu Beginn stellt Domscheit-Berg dies klar. Aufgeräumt und ruhig wirkt der Mittdreißiger im schwarzen Hemd. Besonnen, nachdenklich, mit freundlicher Stimme. Das einzige Klischee eines Internetaktivisten mag sein Getränk sein: "Club-Mate", Wachmacher mit Koffein.
Auch auf Trendwörter oder englische Fachbegriffe verzichtet er fast gänzlich - bis auf Big Data. Gemeint sind riesige Datenmengen, die dank der Sicherheitsbehörde NSA "die Vormachtstellung" der USA und die Abgrenzung eines exklusiven Kreises sichern. Ob in diesen Zirkeln noch das "Wertesystem der normalen Menschen" gelte? Bezeichnend sei es zumindest, dass es für Whistleblower kein deutsches Wort gebe: "Positiver Geheimnisverräter würde ich es nennen."
Domscheit-Berg ist Sympathieträger, zu diesem macht er sich, wenn er von seinem Gemüseanbau berichtet (es entschleunigt vom Alltag, "den Kompost umzubrechen") und seiner Sesamstraßen-Affinität ("Dumm bleibt, wer nicht fragt."). Seinen Vortrag inszeniert er routiniert, verzichtet auf jegliche Bebilderung, nimmt die Zuschauer anhand von Zwischenüberschriften gedanklich mit. Über 400 Personen, jung und alt, sitzen in dem Hörsaal aufmerksam vor ihm.
Fast ebenso viele verfolgen die Veranstaltung im Vorraum an einer Videoleinwand. In seiner Darstellung geht er chronologisch vor: Wie er begann, als Schüler die Informationen über den ersten Golfkrieg zu hinterfragen, die per Taschenradio die Klasse und ihn unerklärlicherweise zu Jubelstürmen hinriss.
Namen werden selten genannt
Als er im Sommer 2007 das erste Mal von Wikileaks hörte und zunächst dem Vorwurf der Unprofessionalität begegnete, später "ein klein wenig absurd" dem vom Ende des Journalismus. Wie Hollywood ihn in der Verfilmung per Onlinetelefonie kommunizieren und "World of Warcraft" spielen ließ - beides habe nichts mit der Realität zu tun.
Die Namen der Beteiligten nennt er in seinen Schilderungen selten. Dennoch glaubt man Domscheit-Berg, dass er sich sich selbst nicht in den Mittelpunkt spielt. Er vermittelt das Gefühl, dass "wir alle Macht haben". Konsequent spricht er eine Stunde lang von "wir" – das sind er und die Wikileaks-Mitglieder. Wir, das sind aber auch die Anwesenden und Internet-Nutzer weltweit.
Und dann kommt er doch noch auf aktuelle Fälle zu sprechen: Als Wikileaks das Schuldnerbuch einer isländischen Bank zugespielt wurde, das belegte, dass sich vor der Pleite noch viele Insider mit Krediten bereichert hätten. Oder als publiziert werden konnte, wie ein Schweizer Geldinstitut auf den Cayman Inseln eine Versicherung gründete und sich darüber selbst absicherte. "Betriebsblindheit im System" ermögliche das. Das Internet als "horizontales Werkzeug" könne dies aufzeigen und Machtverhältnisse verschieben.
"Wir sind sehr bequem geworden", sagt Domscheit-Berg nachdenklich und spricht von einer "Gefahr, der wir gegenüberstehen". Die Volkszählung der Nationalsozialisten sei ein historisches Exempel, an der viele teilgenommen hätten. Nichtsahnend, dass sie es mit Freigabe ihrer Daten ermöglicht hätten, einen Menschen mit weit entfernten jüdischen Vorfahren zu identifizieren. "Wir haben es mit Edward Snowden noch nie so gewusst wie heute", sagt er und erhält spontan Applaus. Und mahnt: "Ein Individuum ohne Privatsphäre existiert nicht."