Bielefeld. Die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ist seit Jahren ein Thema. Über die Schwierigkeiten von Arbeitnehmern, die sich parallel zum Job um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, wird hingegen selten gesprochen. Dabei leben laut Statistischem Bundesamt in Deutschland schon rund 2,5 Millionen Pflegebedürftige, aber nur knapp zwei Millionen Kinder unter drei Jahren. Im Jahr 2030 werden es nur noch 1,77 Millionen Kleinkinder sein – aber 3,4 Millionen Pflegebedürftige.
"Die Belastung von Menschen, die neben ihrem Job Angehörige zu Hause pflegen, ist groß", sagt Mika Steinke, Doktorand an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Uni Bielefeld. Studien hätten ergeben, dass diese Menschen häufiger körperliche und psychische Probleme hätten und sich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt fühlten.
Im Unterschied zur Kinderbetreuung, die meist positiv geprägt sei, sähen sich Angehörige von Pflegebedürftigen oft in einer Abwärtsspirale. "Kinder sucht man sich aus. Dass Eltern pflegebedürftig werden, kommt unerwartet." Pflege sei nach wie vor ein unschönes Thema, über das nicht gerne gesprochen würde. "Daher geraten Pflegepersonen oft in eine Art soziale Isolation", sagt Steinke. Während Kinder in Netzwerken gehütet würden, ist der Angehörige in der Pflege meist allein. Noch immer würden drei Viertel der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, sagt Steinke. "Und man will ja auch, dass das so bleibt." Aber dafür müsste sich bei Unternehmen und in der Politik etwas tun.
Die von der Hertie-Stiftung gegründete "berufundfamilie gGmbH" vergibt das wichtigste Qualitätssiegel für familienfreundliche Personalpolitik an Unternehmen, Institutionen und Hochschulen – und das schon seit 1999. "Neben der Kinderbetreuung hat die Pflege von Angehörigen in den vergangenen Jahren eine immer größere Bedeutung erlangt", so Silke Güttler. Alle drei Jahre muss das Siegel aufgefrischt werden. "Mehr als 1.400 Arbeitgeber haben das Audit bereits durchlaufen – darunter 18 aktuelle Zertifikatsträger aus Ostwestfalen-Lippe."
Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Ostwestfalen-Lippe mit rund 5.800 Beschäftigten ist einer davon. "Wir nehmen Rücksicht darauf, dass unsere Fachkräfte Familie und Kinder haben", sagt Sprecher Erwin Tälkers. "Gerade in der Altenpflege gibt es viele Mitarbeiter, die pflegebedürftige Angehörige haben." Beschäftigte könnten sich für die Pflege freistellen lassen – zwar unter Wegfall der Bezüge, aber bei Erhalt des Arbeitsplatzes. "Außerdem können wir uns darum kümmern, dass Arbeitszeiten umorganisiert werden, solange das im Schichtdienst möglich ist." Auch Dienste und Einrichtungen der AWO für Pflegebedürftige stünden den Mitarbeitern zur Verfügung. Es gebe darüber hinaus alle möglichen Arbeitszeitmodelle, sagt Tälkers, "ob Teilzeitmodelle, Arbeit an wenigen Tagen oder sogar Jahresarbeitszeit – wir haben schon alle Modelle erprobt".
Laut Mika Steinke wenden ein Drittel der Pflegepersonen neben ihrem Beruf noch einmal 15 und mehr Stunden in der Woche für die Pflege ihres Angehörigen auf.
Mehr als die Hälfte der Pflegepersonen arbeitet so weiter wie vorher, 23 Prozent arbeiten eingeschränkt weiter, 21 Prozent beenden ihre berufliche Tätigkeit.
40 Prozent der Pflegepersonen fühlen sich sehr stark oder stark belastet.