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Rietberg

Requiem für einen Baum

Bei der Fällung der Kastanie wurde „Mein Freund, der Baum“ gespielt

Rietberg-Neuenkirchen. Offene Proteste gab es kaum, echte Empörung umso mehr: So manch interessierter Bürger hatte bei der Stadt eigens die angesetzte Uhrzeit nachgefragt, um die Fällung der historischen Kastanie in Neuenkirchens Dorfmitte nicht zu verpassen. Dass der Baum nicht, wie von der Verwaltung angegeben, zwischen halb zehn und zehn, sondern bereits um 8.40 Uhr fiel, brachte viele auf die Palme.
Wolfgang Körkemeier - wie zahlreiche andere erst vor Ort, als der Baum bereits am Boden lag und darüber deutlich verärgert - vermutet hinter dem Vorgehen das Kalkül, den Vorgang möglichst von der Öffentlichkeit unbeachtet durchführen zu können. Und tatsächlich waren um kurz nach acht, als die Sägen das erste Mal aufkreischten, um vorbereitende Maßnahmen durchzuführen, nur wenige Neuenkirchener auf den Beinen. Der von der Stadt beauftragte Landschaftspfleger Andreas Hollenbeck erklärte, der Termin sei nicht vorgezogen worden: „Halb neun war von Anfang an geplant“.
Zerlegt wurde der etwa fünf Tonnen schwere und 140 Jahre alte Riese nicht Ast für Ast - laut krachend fiel er in einem Stück. Nur wenige Minuten zuvor hatte der Neuenkirchener Klaus Jüttemeier die Säge mit zwei gezielten Schnitten auf beiden Seiten des mächtigen Stamms angesetzt. Der Zug an der Seilwinde auf der einen und der Druck der Baggerschaufel an der anderen Seite hatte die Kastanie in die gewünschte Richtung gedrückt - auf die freie Grünfläche am Rewe-Markt. „Das ist richtig schade“, so die Reaktion der wenigen Zuschauer.
Ein Stück vom Stamm ist einem Hobbybildhauer aus Mastholte versprochen, der daraus eine Figur fertigen will. „Er hatte die Stadt Rietberg diesbezüglich angesprochen“, so Hollenbeck. Der Rest werde energetisch genutzt und zu Hackschnitzeln verarbeitet.
Zur genannten Zeit, gegen halb zehn, füllte sich der Ort des Geschehens dann doch. Körkemeier hatte einen Ghettoblaster mitgebracht, auf dem er den alten Alexandra-Schlager „Mein Freund der Baum“ abspielte. Mit Blick auf die frische Schnittstelle meinte er: „Da soll uns mal einer erzählen, der Baum wäre nicht gesund gewesen“. Ulrike Zimmermann sicherte sich „Ableger“ in Form von Kastanien aus dem vergangenen Herbst. 
Gerhard Scheer, der den Baum im Vorfeld mit Protestplakaten gepflastert und ein etwa ein Meter großes Holzkreuz mit der Inschrift „Stadt Rietberg - klimafreundlich“ aufgestellt hatte, sprühte mit schwarzer Farbe ein Kreuz und den „Todestag“ der Kastanie in das helle Holz des Stumpfes und meinte: „Ich fühle mich heute sehr schlecht“. Über zwei Jahre lang habe er wegen der Änderung des Bebauungsplans in diesem Bereich gegen die Stadt prozessiert. 
Der frühere Bürgermeister André Kuper habe ihm versprochen, dass der Kreisverkehr so gebaut werde, dass die Kastanie stehen bleiben könne. Denn: „Ein in 140 Jahren gewachsener Baum, der das schädliche CO2 in großen Mengen umwandelt, kann nicht einmal durch 30 neue ersetzt werden“.
Der Rewe-Bau, „für mich eine architektonische Scheußlichkeit“, sei schließlich „aufgrund einer hundsmiserablen Planung“ zehn Meter zu weit nach vorn gebaut worden.

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