Bad Salzuflen/Herford. Es riecht - ja, nach was eigentlich? Wer die Halle der Autosattlerei Jach im Industriegebiet in Herford nahe der Kreisgrenze zu Lippe betritt, bemerkt diesen ungewöhnlichen Geruch sofort. Nach Leder? Nach Neuware? Undefinierbar, aber jedenfalls nicht nach alten Autos - obwohl es in der Halle des 102 Jahre alten Familienunternehmens davon reichlich gibt. Hier reiht sich ein Oldtimer an den anderen. Was die Schätze gemeinsam haben: Von innen sehen sie wüst aus. Unfertig. Noch - denn die Aufarbeitung des Innenraums ist Aufgabe von Juniorchefin Katharina Jach und dem Team. Sattlermeisterin mit 24 Die Salzuflerin hat im vergangenen Jahr ihre Meisterprüfung im Sattlerhandwerk abgeschlossen. Jetzt steht sie unaufgeregt in diesem ungewöhnlichen Setting: Blonde, lange Haare, graue Arbeitshose und passendes Sweatshirt mit Firmen-Logo. Beim Rundgang durch die Halle des väterlichen Betriebs erläutert die 25-Jährige, womit sie sich im Berufsalltag beschäftigt: Hier bekommt ein Fahrzeug neue Sitze, dort gleich eine komplette Innenausstattung inklusive Bezug der Mittelkonsole und der Türverkleidung, des Lenkrads, einen neuen Himmel und neue Fußmatten. Dass sie einmal den elterlichen Betrieb übernehmen würde, den ihr Uropa einst gründete, stand keinesfalls von Anfang an fest, erzählt Katharina: „Mein Vater hat mich nie dazu gedrängt.“ Allerdings habe sie sich schon früh für die Arbeit in der Sattlerei interessiert: „Früher wollte ich immer gerne meine eigenen Taschen entwerfen und nähen.“ Nach dem Abitur studierte Katharina zunächst Wirtschaftswissenschaften - und stellte dabei fest, was sie eigentlich nicht wollte: „Den ganzen Tag an einer Stelle sitzen.“ Ihre Ausbildung im väterlichen Betrieb begann sie deshalb nach dem Bachelorstudium - und schloss zwei Jahre später die Gesellenprüfung als Kammersiegerin ab. Die Meisterschule in Stuttgart finanzierte sie komplett selbst. 44 Stunden für das Meisterstück Ihr Meisterstück: Die komplette Ausstattung eines Porsche 911 mit den charakteristischen Karobezügen eines 911 Turbo, die Porsche zum 50. Geburtstag des Kultautos neu auflegte. 44 Stunden, erzählt Katharina, habe sie in der Werkstatt daran gearbeitet - vier Tage à elf Stunden. Und auch die komplette Innenausstattung, Rückbank, Türverkleidung und Anschnallgurte hat sie optisch veredelt - zwar sei das nicht Teil der Anforderung gewesen, aber für die junge Handwerkerin dennoch Teil des Gesamtwerkes. Es ist diese große Abwechslung in ihrer Tätigkeit, die Katharina Jach besonders schätzt: „Mein Beruf ist sehr kreativ. Und man kann sich auch auf bestimmte Dinge spezialisieren und dann selbstständig machen - zum Beispiel auf das Nähen von Bezügen oder auf Lenkräder“, zählt sie die Vorzüge des Berufs auf. Sattler gibt es auch in anderen Bereichen - beispielsweise für Reitsättel oder in der Autoindustrie - dort erledigen die Arbeiter am Fließband tagtäglich dieselben Schritte. Das ist im Unternehmen Jach, in dem neben Katharina und ihrem Vater Raimund Jach noch ein Geselle, ein Azubi und eine Bürokraft arbeiten, ganz anders. Kunden brauchen die Haptik Die Kundenaufträge sind individuell: Die Fahrzeugbesitzer - meist Oldtimer-Liebhaber, manchmal auch Menschen, die sich ihr Traumauto kaufen, dessen Innenausstattung aber nicht mögen - werden in Sachen Stoffe und Leder beraten, bevor es an die Umsetzung geht: „KI nutze ich weniger, denn es geht wirklich um die Haptik“, sagt sie. Gut 80 Stunden, schätzt die Fachfrau, dauert es, ein Auto innen komplett neu auszustatten. Und was macht sie am liebsten? Mittelkonsolen, Türverkleidungen und Schalensitze - zum Beispiel für einen 964er Porsche: „Das ist eine sehr anspruchsvolle Arbeit, und wenn sie dann erledigt ist und man am Ende darauf sitzt und die Sitze testet, macht einen das schon stolz.“ Für ein altes Motorrad hat Katharina Jach jüngst eine neue Sitzbank gemacht - eine Schablone gefertigt, die Bank zugeschnitten, den vom Kunden gewählten Bezug zugeschnitten, mit einer der Industrienähmaschinen - „die eine ist so alt, die hat mein Opa angeschafft“ - genäht, aufgezogen und den fertigen Sitz montiert. Darüber hat sie auch ein Video gedreht - als Bewerbung für den erstmals ausgeschriebenen, mit 5000 Euro dotierten Handwerkerinnenpreis aller Soroptimist-Clubs in OWL. Förderpreis der Soroptimisten Mehr als 20 Bewerberinnen gab es - Katharina Jach landete am Ende auf Platz 2. Der Soroptimist Club Detmold, der die junge Salzuflerin vorgeschlagen hatte, entschied sich daraufhin, der 25-Jährigen den alle zwei Jahre ausgeschriebenen und mit 2000 Euro dotierten Förderpreis für junge Nachwuchskräfte zu überreichen und damit ihre ungewöhnliche Karriere in diesem eher männerdominierten Beruf zu würdigen. Was sie mit dem Geld macht? „Auf jeden Fall in die Firma investieren - vielleicht für ein neues Programm, das die Arbeit erleichtert“, sagt Katharina. Denn die Auftragsbücher sind voll - „wenn wir gute Mitarbeiter fänden, könnten wir sogar noch mehr annehmen“, ist sie überzeugt. Und selbst wenn die Wirtschaft derzeit nicht boomt, den Oldtimer-Markt hält sie für eine sichere Branche: „Autoverrückte gibt es immer.“ Sie selbst gehört übrigens nicht dazu. Ein altes Schätzchen besitzt sie nicht - und möchte sie auch nicht haben. Da trennt sie Beruf und Hobby: „Und außerdem könnte ich mir das auch gar nicht leisten.“