Bielefeld. Die v. Bodelschwingschen Stiftungen Bethel wollen bei der Aufklärung der Arzneimittelprüfungen an Kindern und Jugendlichen in den 1950er und 1960er Jahren helfen.
In einer Dissertation der Krefelder Pharmazeutin Sylvia Wagner fanden sich Hinweise, dass Rudolf D., von 1950 bis 1971 ärztlicher Leiter der Epilepsiekliniken Mara, 1958 Versuche mit Decentan gemacht haben soll. Decentan wird bei Psychosen, etwa Schizophrenie, Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Erregungszuständen, verabreicht.
Oberarzt Wolfgang F. soll damals 17.000 Dragees zu Testzwecken erhalten haben. Aus einem internen Vermerk des Pharmaunternehmens Merck geht hervor, dass das Medikament Encephabol bei 38 Patienten mit Epilepsie geprüft wurde. Das Ergebnis dieser Prüfungen lautete, das Medikament habe „keine eindeutigen Besserungen" gezeigt.
Bethel will den Sachverhalt mit der gebotenen Sorgfalt und Gründlichkeit aufklären. „Diese Aufarbeitung wird ebenso transparent und kritisch erfolgen wie die Forschung zu unserer Geschichte während der Kriegs- und Nachkriegszeit", kündigt Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, an.
In ihrer Studie schreibt Sylvia Wagner, dass es in den 1950er und 1960er Jahren für die Durchführung von Pharmastudien in der Bundesrepublik „noch keine klar rechtsverbindlichen, mit Sanktionen belegbaren Vorschriften" gab. „Sollte es jedoch in Bethel zu Prüfungen an Kindern und Jugendlichen ohne Information und Einwilligung der Betroffenen, der Erziehungsberechtigten oder der gesetzlichen Vertreter gekommen sein, so wäre dies – unabhängig von der damaligen Rechtslage – ein Verstoß gegen die Menschenwürde und Menschenrechte der Betroffenen", heißt es in einer Erklärung von Bethel.
Die genauen Umstände der Prüfungen können jedoch nur durch eine sorgfältige Analyse der Patientenakten geklärt werden, heißt es weiter. Da der Vermerk keine Patienten- und Einrichtungsnamen enthält, werden hier voraussichtlich umfangreiche Aktenbestände zu sichten sein.
Inzwischen werden die Forschungsergebnisse der Krefelder Pharmazeutin auch politisch diskutiert. Günter Garbrecht, Bielefelder SPD-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im NRW-Landtag, sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, die Ärzte, die Einrichtungen und auch die Pharma-Konzerne hätten illegal gehandelt, wenn sich die Informationen der Krefelder Wissenschaftlerin bestätigten.
„Bisher waren solche Tests an Menschen nur aus Gefängnissen und Erziehungseinrichtungen in der DDR nachweisbar", fügte Garbrecht hinzu. Man müsse jetzt wohl davon ausgehen, dass Tests an Kindern, Jugendlichen und Behinderten offenbar auch in Westdeutschland an der Tagesordnung waren.
Garbrecht wies darauf hin, dass gerade ein neuer Entschädigungsfonds für Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Behindertenhilfe eingerichtet worden sei, in den Bund, Länder und Einrichtungsträger insgesamt 60 Millionen Euro eingezahlt hätte. Wenn es berechtigte Ansprüche von Menschen gebe, an denen Medikamenten-Tests vorgenommen worden seien, müssten sie aus diesem Fonds bezahlt werden.