Paderborn. Es ist der fünfte Prozesstag im Schwurgericht Paderborn und Angelika W. spricht noch immer über die Ereignisse im Saatweg 6 in Höxter-Bosseborn, in jenem heruntergekommenen Gehöft, in dem Wilfried W. sein brutales, anscheinend hoch manipulatives Regiment führte, in dem sich mit der Zeit seine Exfrau selbst Gewalt zu ihrem eigenen Handeln machte. Es ist aber auch der Tag, an dem offenkundig wird, dass Angelika W. den Saal 205 des Landgerichts eher als Bühne begreift und nicht als Ort der Verantwortung.
Von einem armen Sünderlein ist die 47-Jährige weit entfernt. Sie sitzt selbstbewusst auf der Anklagebank, gut gelaunt ist sie, strahlt geradezu in Richtung Zuschauerbänke und lächelt die Wachtmeister an. Geradezu schäkernd gibt sie dem Verteidiger ihres Ex-Mannes, Detlev Binder, Kontra, wenn dieser sich aufmacht, Widersprüche in ihren diversen Aussagen aufzudecken.
Dabei geht es an diesem Verhandlungstag um die letzten Monate im Leben der Susanne F.. Jener Frau also, die ab Februar unter dem Dach der Angeklagten wohnte, dort rasch mit dem kruden Regelwesen in Konflikt geriet, als erstes von Wilfried W. heftig gewürgt, aber dann anscheinend vorwiegend von Angelika W. gequält wurde. Schläge habe sie nicht ausgeteilt, sagt Angelika W.. Sie habe aus den Vorfällen mit Annika W. gelernt, dass da auffällige blaue Flecke die Folge wären. „Ich habe mir andere Strafen ausgedacht." Und so riss sie Susanne F. häufig an den Haaren oder zwang diese auf den Boden und stellte dabei ihre Füße auf deren Brust, „damit sie die Kälte spürt." Böse Triezereien also, die sich über lange Minuten, sogar über Stunden hinziehen konnten.
Und Wilfried W.? „Er hat alles gesehen, was ich gemacht habe", sagt Angelika W. und betont immer wieder, dass sie in seinem Sinne handelte – auch wenn der 46-Jährige anscheinend niemals seiner Partnerin ausdrücklich befahl, die Frauen zu bestrafen, wenn sie gegen sein Regelsystem, gegen seine Wünsche verstießen. „Ich habe es mir angewöhnt, auf das richtige Verhalten zu achten und es einzufordern", erklärt Angelika W. und spricht über die brutalen Übergriffe wie über eine lästige, aber notwendige Arbeit. Und so passt der Satz nur allzu gut, den Angelika W. ihrem ersten Opfer mit auf den Weg gab, als es einen ganzen Tag lang mal prima lief und alle Regeln eingehalten wurden: „Wenn du keinen Fehler machst, bin ich normal und nicht brutal."
Auch Susanne F. wurde irgendwann gefesselt, erst mit Bändern, die auf Bauernhöfen zum Strohwickeln benutzt werden, später mit Kabelbindern. Auf diese Weise sollten erneut störende, nächtliche Toilettengänge unterbunden werden. Dass durch diesen Pragmatismus, der mit einer perfiden, schmerzhaften, an Folter gemahnenden Fesselung einherging, letztlich das menschliche Grundrecht des Wasserlassens versagte wurde, wie Gutachterin Nahlah Saimeh sagt, ist Angelika W. offensichtlich völlig unverständlich. „So habe ich das nie gesehen", sagt sie. „Das war ein Störfaktor."
So malträtiert wurde Susanne F. immer schwächer und in Angelika W. wurden augenscheinlich Erinnerungen an das erste Todesopfer wach. „Im Guten" habe sie Susanne F. loswerden und wieder nach Hause bringen wollen. „Ich hatte nicht wieder Bock auf ein Privatkrematorium", betont sie. Genau das hätte sie auch Wilfried W. gesagt.
Für die Frau aus Bad Gandersheim kam dieser Entschluss zu spät. Auf der Fahrt zu ihrem Heimatort blieb der Wagen des Paares liegen. Zwar rief Angelika W. einen Notarzt. Doch in dem Northeimer Krankenhaus konnte Susanne F. nicht gerettet werden, sie starb an den Folgen der Misshandlungen.
„Mein Hände waren es, die ihr das angetan haben", sagt Angelika W. an diesem Prozesstag, um zu erklären, warum sie direkt nach der Festnahme zunächst ganz allein die Schuld an den beiden Todesfällen, an den zahlreichen weiteren Übergriffen auf andere Frauen übernahm. Außerdem sei sie damals ja noch in Wilfried W. verliebt gewesen. Das sei jetzt nicht mehr der Fall und sie wolle nicht mehr alles allein auf sich nehmen. „Dass hier die Wahrheit auf den Tisch kommt, ist mein eigener Wille", sagt sie und dann wird deutlich, dass ihr noch etwas abgeht, das auf Anklagebänken oft zu finden ist, nämlich Selbstmitleid. „Ich habe gewusst, dass ich als Unschuldslamm nicht durchkomme." Der Prozess geht am kommenden Dienstag weiter.
Die Verteidigungsstrategien im Foltermord-Prozess
Strafverteidiger Peter Wüller verteidigt Angelika W., sein Kollege Detlev Binder ihren Ex-Mann Wilfried W.. Der schweigt seit Prozessbeginn. Die Hoffnung seines Verteidigers ist es, Angelika W. von der Opfer- in die Täterrolle zu drängen. Die Frau redet sich die Seele aus dem Leibe, gibt grauenvolle Misshandlungen zu, die sie beging, nimmt Schuld auf sich. Gleichzeitig berichtet sie über üble Quälereien, die Wilfried ihr antat, und die durch Bilder belegt sind.
Sie sei Opfer und Werkzeug von Wilfried gewesen und wäre so eigenen Misshandlungen aus dem Weg gegangen. Detlev Binder versucht, ihre Aussagen durch geschickte Fragen zu erschüttern. Doch bei Fragen aus dieser Richtung hat Peter Wüller für Angelika W. Antwortverbot erteilt. Für ihren Ex-Mann scheint dies ungeheuerlich. Früher hatte er das Heft in der Hand, jetzt ist es Angelika, die den Prozessfortgang trägt. Es wäre möglich, dass Wilfried vor Wut sein Schweigen bricht, sich dann aber um Kopf und Kragen reden könnte.