Bielefeld. Voller Stolz steige ich in mein neues Elektroauto – ein Peugeot iOn. Reichweite laut Hersteller: 70 bis 130 Kilometer. Auf den ersten Blick funktioniert das Auto wie ein Verbrenner. Schlüssel rumdrehen und los. Statt eines lauten Motorengeräusches ist aber nur ein leises Summen vergleichbar mit einer Straßenbahn wahrnehmbar.
Vorteil: Im Auto per Freisprechanlage telefonieren oder Musik hören ist kein Problem. Nachteil: Fußgänger nehmen das Auto nicht wahr. Gerade auf Supermarktparkplätzen ist immer wieder hupen nötig, um voranzukommen. Das fehlende Fahrgeräusch birgt Gefahren: Bereits am dritten Tag muss ich eine Vollbremsung einlegen, weil ein Fußgänger in Bielefeld bei Rot über die Ampel gelaufen ist und sich auf sein Gehör verlassen hat.
Zum Auto selbst: Laden lässt sich der iOn an jeder Haushaltssteckdose und an öffentlichen Ladesäulen. Erste Überraschung kurz nach Fahrzeugübernahme: Trotz voller Ladung zeigt mir der Bordcomputer nur 70 Kilometer an. „Da ist jemand vor Ihnen sehr sportlich gefahren ", klärt mich Marc Jünger von der Leasingfirma Electrify aus Bielefeld auf. Die 25 Kilometer von meinem Wohnort Bielefeld bis zur Lokalredaktion Verl sind aber problemlos machbar.
Nur wer ökonomisch fährt, schafft die volle Reichweite – doch dazu sind Kompromisse nötig: Größter Stromverbraucher des Elektroautos ist die Heizung, da es anders als beim Verbrennermotor keine Abluft vom Motor zur Erwärmung gibt. Die Reichweitenanzeige fällt um 35 Prozent, sobald Heizung und Klimaanlage eingeschaltet sind.
Minusgrade werden zum Problem
Auch Minusgrade leeren den Akku schneller. Während ich für eine Woche in der Lokalredaktion Rheda-Wiedenbrück arbeite (48 Kilometer Fahrweg von Bielefeld) sitze ich am ersten Tag mit Mütze und Handschuhen statt Heizung im Auto, um sicher zu gehen, dass der Akku bis nach Hause reicht. Inzwischen weiß ich: Auch die Doppelstadt an der Ems hat drei Ladesäulen.
Parkplätze für Elektroautos liegen meist in prominenter Innenstadtlage – beispielsweise gegenüber dem Rathaus in Bielefeld. Oft ist neben dem Parken auch das Laden kostenlos – funktioniert aber nicht immer. Als ich am Abend der ersten Fahrt mit dem Elektroauto um 23 Uhr die Ladesäule in Bielefeld-Heepen nutzen will, lässt sich der Ladevorgang nicht starten. Im Internet entdecke ich eine Ladesäule an der Autobahnraststätte Lipperland Süd – rund 15 Kilometer entfernt.
Die Reichweitenanzeige meines Autos meldet noch zwölf Kilometer. Kurz vor der Autobahnausfahrt wird daraus eine Null und es erscheint eine Schildkröte auf dem Display – jetzt hat das Auto noch etwa acht Kilometer Reserve bis der Akku leer ist. Mit Herzklopfen erreiche ich die Raststätte und hänge das Auto an den Stecker. Ergebnis: Nichts. Die Ladesäule erkennt das Auto nicht. Nach mehreren Versuchen bleibt nur der Abschleppwagen, der mich zu einer Ladestation in die Innenstadt schleppt.
Ein Geheimtipp unter Elektroautofahrern ist die kostenlose Stromtankstelle auf dem Werksgelände von DMG Mori in Sennestadt. Dank Schnellladung lassen sich E-Autos dort innerhalb von 30 Minuten zu 80 Prozent laden, während sich die Zeit im Supermarkt gegenüber verbringen lässt.
Elektrisch fahren macht auch wegen der guten Beschleunigungswerte Spaß: 15,9 Sekunden braucht das Auto von 0 auf 100 – so mancher Sportwagenfahrer schaut nicht schlecht, wenn die Ampel auf Grün springt und ein Elektroauto an ihm vorbeizieht. Bei durchgedrücktem Gaspedal presst es den Fahrer regelrecht in den Sitz. Aber: Die orangefarbene Nadel im Display schnellt sofort nach rechts, was ein immensen Verbrauch bedeutet. Es gilt wieder: Sportlich fahren kostet Akkuleistung und damit Reichweite.
Ergebnis: Die vom Hersteller beworbenen 130 Kilometer habe ich nie erreicht. 110 Kilometer sind bei ökonomischer Fahrweise im Sommer möglich. Im Winter sind 70 bis 90 Kilometer realistisch. Das kostenlose Parken und Laden kann viel Geld und Nerven sparen. Doch das Verlassen auf öffentliche Ladesäulen kann auch beim Pannendienst enden. Sportlich fahren macht damit Spaß, kostet aber Strom.