Reichsbürgerszene: „Germaniten-König“ wurden die Unterarme angesägt

Ulf Hanke

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Stefan Ratzeburg verliest vorm Hermannsdenkmal in Detmold eine Proklamation. Ratzeburg hält sich für den König von Preußen und ist Mitglied der Justizopferhilfe, einer Gruppe von Reichsbürgern aus Löhne. - © Archivbild
Stefan Ratzeburg verliest vorm Hermannsdenkmal in Detmold eine Proklamation. Ratzeburg hält sich für den König von Preußen und ist Mitglied der Justizopferhilfe, einer Gruppe von Reichsbürgern aus Löhne. (© Archivbild)

Schalksmühle/Löhne. Der Fantasie-König ostwestfälisch-lippischer „Reichsbürger" liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Mit einer Kettensäge sind dem 54-Jährigen bei einem Streit um eine Immobilie im sauerländischen Schalksmühle beinahe beide Unterarme abgetrennt worden.

Der Mann war 2016 zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt, weil er sich von „Reichsbürgern" in einer bizarren Zeremonie am Detmolder Hermannsdenkmal zum König hat ausrufen lassen.

Bereits Donnerstagmittag eskalierte ein Streit an einem vor zwei Jahren zwangsversteigerten Haus. Lokale Medien berichten, dass diese Immobilie einst dem 54-Jährigen gehörte, er sich jedoch weigere auszuziehen. Demnach hantierte der neue Miteigentümer des Hauses, ein 37-Jähriger aus dem sauerländischen Werdohl, an einem Zaun im Garten mit einer Kettensäge, als der 54-Jährige mit der Eisenstange auftauchte.

Dabei erlitt der 54-Jährige tiefe Schnitte bis auf die Knochen, erklärte Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli. Weil er zu verbluten drohte, wurde er mit dem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik geflogen. Die Polizei nahm den 37-Jährigen wegen Körperverletzung zunächst in Gewahrsam. Stunden später wurde er jedoch wieder freigelassen. Die Ermittlungen laufen.

Der 54-jährige „Germaniten-König" pflegte enge Kontakte zur Löhner „Justizopferhilfe" aus der Reichsbürgerszene. Bei einem Telefonat im vergangenen Jahr war der Schalksmühler zunächst gesprächig. Das Hermannsdenkmal habe er für die Königs-Zeremonie ausgewählt, weil „der Armine dort die Stämme zusammengeführt" habe. Das sei „als Antenne" benutzt worden.

Doch dann wurden ihm die Fragen zu viel, seine „Privatsekretärin" verwies an die „Pressestelle" und nannte als Kontakt die rechtsextreme Löhner „Justizopferhilfe". Der Fantasie-König behauptete unter anderem, ein Nachfahre der echten preußischen Könige zu sein und leitete daraus einen Rechtsanspruch auf alle Ländereien des ehemaligen Deutschen Reiches ab. Er nannte sich unter anderem „Markgraf" des Märkischen Kreises, zu dem auch die Gemeinde Schalksmühle gehört.

„Reichsbürger" sind verfassungsfeindlich, nach Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz gibt es deutschlandweit etwa 10.000 Anhänger. Die Szene ist eine rechtsradikale Bewegung, die sich in geschlossenen Versammlungen und über soziale Netzwerke austauscht.

Sie halten die Bundesrepublik für eine Firma („BRD-GmbH"), sprechen dem Staat die Rechtmäßigkeit ab und stellen sein Gewaltmonopol infrage. Oft geraten „Reichsbürger" mit Polizisten und Gerichtsvollziehern aneinander.

Die Löhner „Justizopferhilfe" bietet falsche Rechtshilfe gegen Geld an, wodurch die Betroffenen immer tiefer in bereits klaffende Abgründe aus Überschuldung, Enttäuschung und Wirklichkeitsverleugnung gerissen werden.

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