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Bielefeld

Nach Manchester: Wie erklärt man Kindern einen Terroranschlag?

Bielefeld. Nach dem Terroranschlag in Manchester ist Großbritannien im Schockzustand. Die Attacke galt vor allem Kindern und Teenagern. Auch in vielen Familien werfen die Vorfälle Fragen auf. Wir haben mit dem Psychologen Jürgen Kagelmann darüber gesprochen.

Herr Kagelmann, viele Menschen fragen sich nach dem Anschlag auf ein Konzert in Manchester, ob sie noch zu solchen Veranstaltungen gehen können oder ihre Kinder hingehen lassen können. Was raten Sie Eltern, die Befürchtungen haben?

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Jürgen Kagelmann ist promovierter Psychologe, Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen für Tourismuswissenschaft sowie Herausgeber und Autor mehrerer Bücher rund um den Tourismus. Der gebürtige Bielefelder schreibt auch für verschiedene Printmedien.

Kagelmann: Da gibt es leider kein Patentrezept, aber eins kann man sicherlich machen: dafür sorgen, dass man erreichbar ist, falls etwas passiert. Man kann im privaten Umfeld ein kleines Netzwerk aufbauen, mit Handynummern von Freunden, die auch bei der Veranstaltung sind. Ebenso können verabredete Treffpunkte hilfreich sein, an denen man in Notfällen zusammenkommt, damit man in Panik nicht suchend umherirrt.

Für weniger vielversprechend halte ich es, mit Kindern oder Jugendlichen mögliche Notfall-Szenarien durchzuspielen – das ist in der Hitze der Veranstaltung doch schnell wieder vergessen.

Wie sollte man mit Kindern über die schrecklichen Bilder und Geschehnisse sprechen?

Kagelmann: Das richtet sich unter anderem nach dem Alter der Kinder. Generell sind aber die Dauer-Sondersendungen zu viel. Da wird immer wieder dasselbe wiederholt, oft ohne, dass konkrete Erkenntnisse vorliegen. Man sollte sich lieber portionsweise informieren – und eher auf Print-Medien vertrauen, die oft hintergründiger recherchieren. Aber immer und immer wieder dasselbe zu hören, das ist nicht hilfreich.

Wie kann man der Angst, womöglich auch im Hinblick auf eine eigene geplante Reise, begegnen?

Kagelmann: Man sollte an der Vorfreude festhalten und sich klar machen, dass man auf diesen Urlaub gespart hat, sich darauf vorbereitet hat und sich das nicht nehmen lassen. Das wäre genau das, was die Terroristen erreichen wollen. Es hilft nicht, sich immer weiter zurückzuziehen, im Gegenteil, dann steigert sich die Angst nur.

Heißt das auch, es ist gut, sich ein Stück weit an Anschläge zu gewöhnen?

Kagelmann: Es kann gut sein, insofern, als die Beschäftigung mit dem Thema zu einer realistischeren Sicht auf die Dinge führen kann – die Terrorgefahr ist im Verhältnis zu anderen Möglichkeiten zu sterben, doch relativ gering. Sich das klarzumachen, ist ein Weg, mit den Geschehnissen umzugehen.

Wie sollten wir in der Gesellschaft auf Terroranschläge reagieren?

Kagelmann: Auf keinen Fall aufhören, Spaß zu haben und Unterhaltung zu suchen. Wir sollten sogar noch mehr reisen und feiern. Gesellschaftlich sollten die Sicherheitsdebatten nicht so hochgekocht werden, stattdessen die Einstellung fördern: „Wir lassen uns nicht terrorisieren."

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