Gütersloh. In den vergangenen Jahren haben die meisten Menschen in Deutschland mehr Geld verdient. Dennoch bleibt bei vielen am Ende des Monats kaum etwas übrig, um ein finanzielles Polster anzulegen oder Extra-Ausgaben stemmen zu können. Schuld daran sollen vor allem die Lebenshaltungskosten sein. Denn nicht nur die Einkommen sind gestiegen, sondern noch schneller die Ausgaben für Mieten und andere Grundbedürfnisse. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.
Dafür haben die Wissenschaftler Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes analysiert. Alle fünf Jahre werden 60.000 Haushalte befragt, unter anderem zu ihrem durchschnittlichen monatlichen Einkommen und zu ihrem Ausgabeverhalten.
Miete statt Museum: Durch unterschiedlich wachsende Einkommen und Kosten öffnet sich die soziale Schere. Geringverdiener haben kaum Spielraum, um in Bildung zu investieren.
Niedrigverdiener-Haushalte (bis 1.569 Euro) mussten 2013 82 Prozent ihres Einkommens für Grundbedürfnisse ausgeben, Besserverdienende (ab 4.114 Euro) hingegen nur 49 Prozent.
Das Ergebnis: Zwischen 1998 und 2013 sind die durchschnittlichen Nettoeinkommen in Deutschland angestiegen – nominal von rund 2.600 auf rund 3.100 Euro. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen. Während das Einkommen des oberen Viertels um 23 Prozent gewachsen ist, stieg das des unteren Viertels nur um zehn Prozent. Gleichzeitig stiegen auch die Lebenshaltungskosten, vor allem im Bereich Wohnen. Am Ende haben die Besserverdiener Geld zum Sparen und für Freizeitaktivitäten übrig, während es bei Geringverdienern oft kaum für das Nötigste reicht.
„Die Lohnzuwächse werden durch die gestiegenen Lebenshaltungskosten quasi aufgefressen", sagt Armando García Schmidt, Leiter der Studie. Besonders auffällig sei die zunehmende Belastung durch Mietkosten, die vor allem Geringverdiener treffe. „In den oberen Einkommensklassen kommt es häufiger vor, dass Familien im Eigentum wohnen", so García Schmidt.
Die müssten zwar auch Kredite abbezahlen, aber wenn die irgendwann getilgt seien, profitierten zum Beispiel die folgenden Generationen davon. Wer weniger verdient, sei zudem eingeschränkter in der Wohnortwahl, weil er auf den Nahverkehr angewiesen ist. Gerade in Ballungsräumen seien die Mieten in den vergangenen Jahren explodiert. García Schmidt: „Geringverdiener streben in die Städte."
Für den Wissenschaftler ergibt sich aus diesen Beobachtungen die Erkenntnis, dass „wir in Deutschland ein inklusiveres Wachstum brauchen." Denn natürlich sei die Lage am Arbeitsmarkt derzeit sogar sehr gut. „Aber die Dividende, die in Wirtschaftswachstumszeiten gemeinsam erarbeitet wird, kommt augenscheinlich nicht überall an."
Manche Bevölkerungsgruppen hätten am wirtschaftlichen Aufschwung nur geringen Anteil. Mit am stärksten betroffen seien davon Alleinerziehende. García Schmidt kritisiert, dass die Daten nur alle fünf Jahre erhoben werden. „Wir brauchen in Deutschland eine dichtere Sozialberichtserstattung um politisch schneller auf Entwicklungen reagieren zu können", sagt er. Bei der aktuellen Datenlage sei es nur schwer möglich, die Wirksamkeit von Maßnahmen, wie die der Mietpreisbremse, zeitnah zu überprüfen.