Hamburg. Der Geruch der Hamburger Chaostage liegt am Morgen danach noch immer in der Luft. In einem ausgeplünderten Supermarkt ist wieder ein Glutnest entflammt, verbrannte Barrikaden kokeln vor sich hin, überall liegen kaputte Flaschen. Auf dem Weg zum Bäcker umkurven Anwohner auf ihren Rädern die Scherben. Doch die schwersten Ausschreitungen in der Hansestadt seit Jahrzehnten haben mehr als nur zerstörte Straßenzüge hinterlassen. Zurück bleibt vor allem Wut. Und Fassungslosigkeit.
Eine erste Bilanz der Exzesse: Insgesamt 476 verletzte Polizisten an den Gipfeltagen, 186 festgenommene und 225 in Gewahrsam genommene Menschen, Dutzende zerstörte Autos und Schäden in Millionenhöhe.
„Das war Bürgerkrieg. Die Leute wurden im Stich gelassen", sagt Anwohner Jörg Müller (43). Und keiner übernehme dafür die Verantwortung. „Den Gipfel zu schützen, ist ein Ziel gewesen. Aber Anwohnern die bürgerkriegsähnlichen Zustände zu überlassen, geht gar nicht." Wie er denken viele nach den Gewaltexzessen, die sich über Tage vor ihrer Haustür abspielten.
Die über allem thronende Frage: Wie konnte das passieren, wenn man weiß, dass es droht? „Man hätte denken können, dass die Ausschreitungen so heftig werden", sagt Anwohner Konstantin (27). Vor seinem Haus hätten die Chaoten Barrikaden errichtet: „Da kriegt man Angst." Und er habe sich gefragt: „Gibt es Tote? Werden Häuser angezündet?" Diese Eindrücke müssten die Leute erst einmal verarbeiten, „das bleibt in den Köpfen".
Steinmeier äußert sich
Die Krawalle um den G20-Gipfel in Hamburg haben eine heftige Debatte über Verantwortung und Konsequenzen ausgelöst. Die Hamburger CDU forderte den Rücktritt von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), weil er die Sicherheitslage „eklatant falsch eingeschätzt" habe. Auch die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für den Gipfelort Hamburg und der Sinn aufwendiger Spitzentreffen wurden in Frage gestellt.Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verteidigte beides. Lesen Sie hier weiter.
In den Köpfen wird wohl auch bleiben, dass von Bürgermeister Olaf Scholz im Schanzenviertel lange nichts zu sehen war. Selbst nach der Orgie der Gewalt in der Nacht zu Samstag, als vermummte Chaoten Läden geplündert, Barrikaden angezündet sowie Polizisten attackiert und verletzt hatten, änderte der SPD-Politiker nicht seine Pläne.
Er führte US-Präsidentengattin Melania Trump wie geplant durchs Rathaus, während fast zeitgleich der Chef der Drogeriekette Budnikowsky, Cord Wöhlke, den Tränen nahe das Trümmerfeld in der geplünderten Filiale im Schulterblatt anschaute. „Diese Bilder bleiben von G20 übrig und verdrängen alles andere", sagte Wöhlke.
Für die aufgebrachte Psychologin Silka Hagena (52) ist klar: „Ich finde, Herr Scholz sollte seinen Rücktritt einreichen." Denn Scholz habe vor dem G20-Gipfel mehrfach absolute Sicherheit versprochen. Selbst im Stadtteil Eimsbüttel habe sie fünf Nächte nicht mehr geschlafen. „Das ist Psychoterror auch für die Anwohner." Die Zusage von Scholz und Kanzlerin Angela Merkel (CDU), den Opfern der Krawalle schnell helfen zu wollen, kann ihre Wut nicht mildern.
Andere blicken lieber nach vorn. Ein Handwerker entfernt vor dem „Café Park" die vor den Fenstern angebrachten Holzlatten. „Es muss wieder nach Leben riechen", sagt Café-Mitarbeiter Shahram (43). In den Nächten davor roch es anders, vielmehr stieg einem der Gestank von Zerstörung, sinnloser Gewalt und in Brand gesteckten Barrikaden aus Mülltonnen, Fahrrädern und Verkehrsschildern in die Nase.
Für viele bleibt unverständlich, warum es in der Nacht zu Sonntag erneut zu Gewalt kommt – wenn auch nicht so exzessiv wie 24 Stunden zuvor. Als Donald Trump und die anderen Staatsgäste längst wieder auf dem Heimweg sind, fliegen erneut Flaschen und Steine. Die Polizei hält dagegen.