Anschlag auf Bielefelder Polizeifahrzeuge schockt Schrebergärtner

Stefan Gerold

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Am Morgen danach: Fünf Polizeifahrzeuge in der hinteren Reihe sind ausgebrannt, ein weiteres wurde erheblich beschädigt. - © Christian Mathiesen
Am Morgen danach: Fünf Polizeifahrzeuge in der hinteren Reihe sind ausgebrannt, ein weiteres wurde erheblich beschädigt. (© Christian Mathiesen)

Bielefeld. Mehr heile Welt geht nicht, als im Schrebergarten von Detlef Griese (62). Der Regen der vergangenen Tage hat den Pflanzen gut getan. Rund um sein Häuschen gegenüber des Geländes der Einsatzhundertschaft der Bielefelder Polizei an der Lerchenstraße im Bielefelder Stadtteil Stieghorst sind Blumen und Gemüse in die Höhe geschossen.

Gemütlich beim Bierchen hatte der Küchenmeister im Betriebsrestaurant von Dr. Oetker mit seinen Nachbarn am Montagabend das Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft der Frauen gegen Schweden gesehen und sich zufrieden Schlafen gelegt. Gegen 2.40 Uhr wird er durch einen lauten Knall schlagartig wach.

Augenzeuge: Schrebergärtner Detlef Griese zeigt auf die ausgebrannten Autos in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. - © Christian Mathiesen
Augenzeuge: Schrebergärtner Detlef Griese zeigt auf die ausgebrannten Autos in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. (© Christian Mathiesen)

"Ich hörte einen Schrei im gegenüberliegenden Flüchtlingsheim. Da bin ich aufgestanden und dachte, es wäre ein Anschlag auf das Heim. Aber als ich aus meinem Häuschen komme, schaue ich auf ein brennendes Polizeiauto", berichtet der 62-Jährige. Nur ein Fußweg zur angrenzenden Pestalozzischule trennt Grieses Idylle von einem sich entwickelnden Inferno.

Geistesgegenwärtig ruft er wie einige weitere Anwohner die Feuerwehr an. "Und dann ging hier ein Fahrzeug nach dem anderen in Flammen auf. Da habe ich meine Nachbarn geweckt und wir haben uns erst mal in Sicherheit gebracht. Wir haben unsere Propangasflaschen und unsere Wertsachen unter den Arm genommen und sind geflüchtet", sagt Griese.

Etwa 50 Fahrzeuge, zumeist Mannschaftsfahrzeuge, sind auf dem abgezäunten Gelände der Bielefelder Einsatzhundertschaft geparkt. Lichterloh in Flammen stehen sechs VW-Bullis, die in unmittelbarer Nähe des etwa zwei Meter hohen Sicherheitszauns abgestellt sind. Das stählerne Dach des offenen Carports wölbt sich unter der Hitze, massive Stahlträger verbiegen sich wie Streichhölzer.

Die 20 Feuerwehrleute gehen mit drei Trupps à zwei Mann unter Atemschutz gegen die Flammen vor. Mit zwei C-Rohren und einem Schaumrohr bringen sie das Feuer unter Kontrolle. Durch das schnelle Eingreifen und Zusammenspiel von Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr kann das Überspringen der Flammen auf nur drei der dicht an dicht stehenden Fahrzeuge eingegrenzt werden. Nach etwa zweieinhalb Stunden Einsatz melden die geschafften Wehrleute der Polizei gegen 4.30 Uhr "Feuer aus".

Am Morgen danach ist Laubenpieper Griese noch sichtlich angefasst: "Ich hatte richtig Schiss." Er ist stolz auf sein kleines Häuschen, das er von seiner Mutter übernommen hat. "Seit wir die Polizei als Nachbarn haben, gibt es hier keine Einbrecher oder Vandalen mehr. Aber jetzt so was."

Ebenso kopfschüttelnd betrachten Polizisten der Einsatzhundertschaft die ausgebrannten Bullis, die nach und nach in der nicht durchgängig besetzten Liegenschaft an der Lerchenstraße 2 zum Dienst erscheinen. Ein riesiger Schaumteppich bedeckt den Boden, Kollegen der Spurensicherung erkunden den inzwischen weiträumig abgesperrten Tatort. Ein Brandspürhund wird herumgeführt. "Er kann Brandbeschleuniger wie Benzin oder Grillanzünder erschnüffeln", erklärt Sprecherin Kathryn Landwehrmeyer.

Da ein technischer Defekt schnell ausgeschlossen wird, gehen die Ermittler von Brandstiftung aus. Da die Fahndung in der Nacht noch ohne Ergebnis geblieben ist, haben die Polizisten keinen konkreten Tatverdacht. "Machen wir uns aber nichts vor, wir waren vergangene Woche beim G20-Gipfel in Hamburg", sagt ein Beamter.

Zwar waren die Bielefelder nicht direkt an den gewalttätigen Auseinandersetzungen mit linksextremen Krawallmachern beteiligt, wurden aber mit über 100 Beamten im Objektschutz und bei Einlasskontrollen eingesetzt. Verdächtig schnell taucht dann auch ein Bericht über den Brand auf der linksextremen Internetplattform "linksunten" der Organisation Indymedia in der Rubrik "Alles zum G20-Gipfel 2017" auf. Credo der Webseite: "Vergessene Kämpfe sind verlorene Kämpfe."

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