Berlin/Bielefeld. Angesichts steigender Schülerzahlen in den nächsten Jahren hat der Deutsche Lehrerverband die Bundesländer zu einem Kraftakt für die Sicherung eines flächendeckend guten Unterrichts aufgerufen.
„Wir müssen jetzt umsteuern: Planstellen schaffen, die Lehrerwerbung verstärken und Pädagogen nachqualifizieren", sagt der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. „Wenn das nicht passiert, gibt es für die Länder drei Stellschrauben: größere Klassen, höhere Lehrerarbeitszeiten und weniger Unterricht. Das ist ein Szenario, vor dem ich nur sehr warnen kann." Derweil plant die neue NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) Personalengpässe vorübergehend mit Fachkräften aus der Wirtschaft zu überbrücken.
Meidinger, derzeit in Personalunion Chef der Gymnasiallehrergewerkschaft „Deutscher Philologenverband" und der Dachorganisation „Deutscher Lehrerverband" (DL), fordert von den Bundesländern konkrete Reaktionen. Meidinger empfahl den Bildungsministern „ein Gesamtpaket, etwa um den Lehreraustausch anzukurbeln. Und für einen Masterplan Lehrerbedarf wäre es jetzt höchste Eisenbahn."
Bundesweit gehen nach einer Mitte Juli vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung bis 2030 viel mehr Kinder zur Schule als von der Kultusministerkonferenz (KMK) prognostiziert. „Über 40.000 zusätzliche Lehrer, fast fünf Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr – das ist eine Hausnummer, erst recht unter dem Druck der Schuldenbremse ab 2020", erklärt Meidinger. Er kritisiert, dass die KMK mit aktuelleren Prognosen angesichts von Flüchtlingsandrang und Geburten-Plus in Deutschland nicht früher an die Öffentlichkeit gegangen sei.
- Die Schülerzahl steigt laut einer Studie von knapp acht Millionen (2015) um acht Prozent auf fast 8,6 Millionen in 13 Jahren. 2030 werden etwa 28.100 zusätzliche Klassen und 42.800 zusätzliche Vollzeitlehrkräfte benötigt.
- Auf Länder und Kommunen kämen dadurch pro Jahr 4,7 Milliarden Euro höhere Bildungskosten zu.
Der Verbandsvorsitzende, selbst Gymnasialdirektor, räumt jedoch ein: „Lehrerbedarfsprognosen sind ein sehr komplexes Gebiet. Etwa bei Flüchtlingszuwachs oder Geburtenentwicklung – da ist es eine Kunst für sich, die richtigen Vorhersagen zu treffen beziehungsweise Konsequenzen zu ziehen."
Auch hätten manche Länder bereits sinnvoll reagiert, um einem unterschiedlich ausgeprägten Lehrermangel entgegenzutreten: „Einiges passiert bilateral. Beispielsweise zwischen Bayern und Sachsen: Bayerische Lehrer helfen in Sachsen aus, teilweise mit einem Rückkehrrecht. Aber viele Lehrer sind extrem sesshaft."
Die in manchen Ländern verstärkte Einstellung von nicht pädagogisch ausgebildeten Quereinsteigern sieht der Verbandschef skeptisch: „Natürlich ist ganz grundsätzlich eine schlecht gehaltene Unterrichtsstunde immer besser als gar keine Unterrichtsstunde. Aber insgesamt schlägt sich eine zu hohe Quote von Quereinsteigern an den Schulen in Qualitätsproblemen und schwächeren Schülerleistungen nieder – das lässt sich auch an den PISA-Ergebnissen ablesen."
Die neue NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) will Personalengpässe an Schulen dennoch mit Fachkräften aus der Wirtschaft überbrücken. Unternehmer sollten zeitweise Mitarbeiter für einzelne Unterrichtsstunden zur Verfügung stellen, sagt Gebauer. Der Personalnotstand in den MINT-Fächern sei so groß, dass man alle Ideen in Betracht ziehen müsse.
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen zu Bielefeld begrüßt den Vorschlag. „Das ist eine sehr gute Idee", erklärt Sprecher Jörg Deibert. „Wir fordern als IHK schon lange, dass man das Thema Wirtschaft stärker in den Unterricht miteinbezieht." Fachkräfte aus der Wirtschaft als Lehrer einzusetzen, sei eine Möglichkeit. Die Kosten für den Einsatz müsse allerdings die öffentliche Hand tragen.