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Bielefeld

Karrierehunger lässt nach in Deutschland

Bielefeld. Immer weniger Deutsche streben auf der Karriereleiter den Weg nach oben an. Immer mehr Raum wollen Arbeitnehmer ihrem Privatleben geben. Die Gründe dafür sind überraschend.

„Ich möchte keine Karriere machen", sagt Kira Storck. Zu groß sei die Passiverfahrung durch die Eltern gewesen: „Mein Vater war praktisch nie zu Hause. Er hat Karriere gemacht, aber nicht erlebt, wie seine Kinder aufgewachsen sind, kein Fußballspiel, kein Reitturnier gesehen. Mir hat das als Kind wehgetan. Ich möchte es meinen Kindern ersparen und flexibler arbeiten, um da sein zu können."

Mit dieser Aussage ist die 26-Jährige Ostwestfälin kein Einzelfall. „Das hören wir häufiger. Das Karrierenmodell von früher ist heute nicht mehr gefragt. Es hat ein klarer Werte- und Sinneswandel stattgefunden", sagt Martin Spilker von der Bertelsmann Stiftung. Eine Studie der Gütersloher zeigt zudem, dass besonders Führungskräften die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig sei.

Die Deutschen denken um: Wünschen Sie sich mehr Aufstiegschancen? - © EY
Die Deutschen denken um: Wünschen Sie sich mehr Aufstiegschancen? (© EY)

Doch das gilt auch für den normalen Arbeitnehmer, wie eine Studie des Beratungs- und Prüfungsunternehmens EY zeigt. So hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Zahl derer, die sich nicht für einen Aufstieg interessieren oder ihn nicht möchten, um mehr als 10 Prozent erhöht. Ein Grund dafür sind mangelnde Aufstiegschancen. Nur 40 Prozent der Befragten sehen sie für sich in ihrem Unternehmen.

Ein Trend, den auch Spilker feststellt: „Die Hierarchien werden immer flacher. Aber auch immer mehr Beschäftigte hinterfragen den Sinn ihres Tuns." Kritik am Gehalt oder am Unternehmen stehe nicht im Vordergrund: Laut Bertelsmann und EY sind 80 Prozent der Arbeitnehmer zufrieden mit ihrem Arbeitsumfeld und Gehalt. „Aber die Frage nach dem Preis einer Karriere stellen sich viele. Nicht nur Frauen. Auch Männer stellen sich die Frage. Sie beantworten sie nur noch anders", so Spilker.

Das Umdenken zugunsten des Lebens ist kein neuer Effekt. Laut EY hat er sich nur in den vergangenen zwei Jahren zugespitzt. Spürbar ist das Umdenken aber schon seit fünf Jahren, sagt Spilker: „Und es ist kein Phänomen der Generation Y."

Doch nicht nur immer mehr Arbeitnehmer sind karrieremüde. Auch jede dritte Führungskraft in Deutschland denkt über den Karriereausstieg nach. „Die Anforderungen der Wirtschaft sind gestiegen und auch die der Mitarbeiter an ihre Führungskräfte. Zugleich vermissen viele mehr Unterstützung von ihrem Arbeitgeber", so Spilker.

Den Arbeitnehmern eine möglichst große Flexibilität der Arbeitsstruktur zu ermöglichen, würde gerade Führungskräfte Flexibilität kosten und dazu führen, dass sie selbst ein freizeitfreundliches Arbeitszeitmanagement nicht wahrnehmen können. Sie sind es, bei denen alternative Modelle meist nicht mehr funktionieren.

„Dieser Trend ist auch in OWL nicht anders", sagt Spilker und rät Unternehmen umzudenken. „Es gibt viele Möglichkeiten, den Trend aufzufangen. Sie könnten ihren Mitarbeitern mehr Alternativen in der Lebensführung anbieten. Es werden mehr Modelle erforderlich, die den Bedürfnissen der Arbeitnehmer nachgehen", so Spilker.

Er vermutet, dass sich dieser Trend künftig fortsetzt.
„Man muss sich selbst entscheiden, ob man es will oder nicht. Ich möchte es nicht mehr. Mich haben der permanente Druck und die ständige Erreichbarkeit unglücklich gemacht", so Giulia Emmerich. Die Lemgoerin hat sich vor rund einem Jahr für eine Stundenreduzierung entschieden und ihre Führungsposition aufgegeben: „Seitdem habe ich viel mehr Zeit fürs Wichtige: Das Leben."

Kommentar: "Arbeitgeber sind in der Pflicht"

von Friderieke Schulz

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten – diese Frage führt gerade bei Arbeitnehmern zu einer Sinnkrise. Sie haben das Gefühl, privat zu viel zu verpassen. Aus Angst, dass dies mit steigender Verantwortung weiter zunimmt, verzichten sie lieber auf Karriere. „Ich hatte auch nie Freizeit", schimpfen alte Generationen und belächeln den Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance.

Dabei sollte dieses Bedürfnis ernst genommen werden. Denn die Belastung im Arbeitsleben steigt immer weiter – seit Jahrzehnten. Ebenso die Anzahl der Ausfälle wegen Burn-out-Erkrankungen. Die Gefahr, selbst zu erkranken, wird mit zunehmendem Stress realer. Weil Arbeitgeber oft nicht reagieren, ziehen viele Arbeitnehmer nun selbst die Reißleine. Lieber gesund und glücklich als Karriere.

Doch das kann es nicht sein. Die Arbeitgeber müssen reagieren und auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen. Dann findet sich auch wieder motiviertes Personal für Führungspositionen.

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