Zahl der Wohnungslosen in OWL steigt drastisch

Lena Henning

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Problematisch: Weil Wohnraum fehlt, gibt es auch in OWL immer mehr Menschen, die auf der Straße leben. - © dpa
Problematisch: Weil Wohnraum fehlt, gibt es auch in OWL immer mehr Menschen, die auf der Straße leben. (© dpa)

Bielefeld/Paderborn. Immer mehr Menschen in OWL verlieren ihre Wohnung. Die Zahl der Wohnungslosen ist im vergangenen Jahr im Regierungsbezirk Detmold um 32 Prozent gestiegen. Besonders hoch fällt der Anstieg für Bielefeld aus: plus 58 Prozent. Insgesamt sind in OWL 2.773 Personen betroffen, davon entfallen 1.638 auf Bielefeld (Stand: 30. Juni 2016). Als wohnungslos gelten nicht nur Obdachlose, sondern auch Menschen, die keine eigene Wohnung haben und mal da, mal dort Unterschlupf finden.

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Weniger Baugenehmigungen

In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden 6,3 Prozent weniger Baugenehmigungen für Wohnungen erteilt als im Vorjahreszeitraum. Ein leichtes Plus gab es bei Wohnungen in Mehrfamilienhäusern (2,5 Prozent).

Wesentliche Ursache: der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Besonders betroffen sind Großstädte. Für Bielefeld verweist Susanne Schulz vom Sozialamt der Stadt auf die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. Das sieht auch Verena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe so: Es fehle an kleinen Wohnungen mit ein bis drei Zimmern.

Man habe gehofft, dass sich das Problem aufgrund des demografischen Wandels erübrigen werde, aber die Zahl der Haushalte sei nicht zurückgegangen.

Wer länger nicht in einer festen Wohnung gewohnt hat, für den ist es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer. „Bei denjenigen, die ihre Wohnung verlieren, kommen meistens mehrere Probleme zusammen", sagt Winfried Kersting von der Wohnungslosenhilfe der Caritas in Paderborn. Oft hätten diese Menschen Mietschulden oder psychische Probleme.

„Vermieter fragen so etwas ab und vermieten dann lieber an andere, wenn sie die freie Auswahl haben", sagt Kersting. Durch Zuwanderung habe sich das bereits bestehende Problem weiter verschärft, da noch mehr Menschen um günstige Wohnungen konkurrierten.

Die BAG Wohnungslosenhilfe fordert deshalb eine Quote für öffentlich geförderten Wohnraum. Ein gewisser Anteil sollte für Gruppen wie Geringverdiener, Wohnungslose und Flüchtlinge reserviert werden. „Auch der Bereich Prävention muss ausgebaut werden, damit ein Abrutschen in die Obdachlosigkeit verhindert werden kann", sagt Rosenke.
Angela Lück (SPD), Landtagsabgeordnete aus Herford, fordert als Konsequenz, die Schaffung von Mietraum weiter zu fördern.

„Eigentumswohnungen haben wir genug." Auch eine Mietpreisbindung hält sie für sinnvoll. Die Landtagsabgeordnete Bianca Winkelmann (CDU) aus Lübbecke sieht die Kommunen mit in der Verantwortung: Sie müssten die Landesmittel, die beispielsweise zur Unterbringung von wohnungslosen Frauen in Frauenhäusern bereitstünden, auch abrufen.

Kommentar: "Gesellschaftliche Aufgabe"

von Lena Henning

Die Zahl ist besorgniserregend: 2.773 Menschen in OWL galten 2016 als wohnungslos. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Menschen alle unter Brücken schlafen. Aber sie leben in unsicheren Lebensumständen, die unzumutbar und eines Sozialstaates unwürdig sind.

Die wesentliche Ursache – der Mangel an kleinen, günstigen Wohnungen – muss behoben werden. Dass die Zahl der Baugenehmigungen gesunken ist, verschärft das Problem.Von der Planung bis zur Fertigstellung vergeht viel Zeit. Nicht nur, weil Verwaltungen lange brauchen. Eine Ursache ist auch der Egoismus derjenigen, die nicht wollen, dass ein Neubau nebenan ihnen die schöne Aussicht verbaut, und die sich mit allen rechtlichen Mitteln wehren.

Auch die Kommunen tragen Verantwortung. Oft haben sie in der Vergangenheit Wohnungsgesellschaften privatisiert, um kurzfristig das eigene Haushaltsdefizit zu verbessern. Private Investoren sollten es richten. Aber die wollen Gewinn machen – sie bauen nur Wohnungen, die sie teuer vermieten können.Vermieter wählen Mieter, von denen sie glauben, dass sie die Miete pünktlich bezahlen.

Menschen, die etwa wegen Mietschulden ihre Wohnung verloren haben, finden auch deshalb nur schwer eine neue Bleibe. Auch Geringverdiener, Alleinerziehende, Flüchtlinge und Studenten sind betroffen. Der Staat ist jetzt gefordert, alle denkbaren Steuerungsinstrumente einzusetzen: vom sozialen Wohnungsbau bis zur Mietpreisbremse. Daran, wie sich die Situation entwickelt, wird sich auch eine Jamaika-Koalition messen lassen müssen.

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