Paderborn. Schulpädagogin Antje Langer will mit ihrer Forschung den Weg für geschlechtergerechten Unterricht ebnen. Die Leiterin des Zentrums für Gender Studies an der Uni Paderborn rät Lehrern zu mehr Reflexion.
Frau Langer, Sie wollen mit ihrer Forschung einen Weg für geschlechtergerechten Unterricht ebnen. Läuft der Unterricht aktuell ungerecht?
Antje Langer: Der Unterricht ist nicht ungerecht, aber undifferenziert, was Chancenungleichheit zur Folge hat. Mädchen und Jungen werden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, wie zum Beispiel, dass Mädchen schlecht rechnen, aber Stärken in Sprachen haben, und Jungen schlecht lesen, aber Stärken in Naturwissenschaften haben. Die Stereotype sind fest verankert und sorgen dafür, dass Mädchen und Jungen vermeintlich unpassende Themen gar nicht erst auswählen können und so in ihren Entscheidungen eingeschränkt sind.
Zur Person: Antje Langer
Antje Langer ist seit Oktober 2017 Professorin für Schulpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn und leitet zusätzlich das Zentrum für Gender Studies.
Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Geschlechterforschung, Geschlechtertheorie, gesellschaftliche Bedingungen des Aufwachsens, Jugendforschung, Körperlichkeit, Sexualität, Sexualpädagogik sowie Machtverhältnisse in pädagogischen Institutionen.
Unter diesem strukturellen Problem leiden aber nicht die Mädchen oder die Jungen, sondern Individuen, weil sie sich nicht frei entwickeln können. Insbesondere Kinder und Jugendliche, die Geschlechterklischees nicht erfüllen und sich deshalb nicht in die Kategorien Mädchen oder Junge einsortieren lassen, werden oft übersehen oder sanktioniert, von Lehrkräften und von Peergroups.
Wie unterscheidet sich das Verhalten von Lehrkräften gegenüber Jungen und Mädchen?
Langer: Die Interaktion zwischen Pädagogen und Schülern ist sehr stark von Zuschreibungen und Erwartungshaltungen geprägt. Das gilt für Lehrerinnen und Lehrer, die unterschiedliches Verhalten von Mädchen und Jungen erwarten und ihnen auch unterschiedliche Eigenschaften zuschreiben. Von Mädchen wird beispielsweise ruhiges Verhalten erwartet, von Jungen hingegen, dass sie auch mal über Tische und Bänke gehen. Das führt dazu, dass die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen im Fokus stehen und nicht die Unterschiede der einzelnen Schüler, unabhängig vom Geschlecht.
Was können Lehrkräfte tun, um das Problem zu lösen?
Langer: Niemand kann sich von Stereotypen freisprechen, weil sie von klein auf erlernt und somit fest in unseren Denkstrukturen verankert sind. Auch Wissenschaftler nicht, die sich viel mit dem Thema beschäftigen. Das bedeutet aber nicht, dass sich das Problem nicht lösen lässt. Ich rate Pädagogen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, um ihr Verhalten zu reflektieren.
Geschlechtergerechter Unterricht kann nur dann funktionieren, wenn Lehrkräfte ihre eigenen Zuschreibungen wahrnehmen und reflektieren. Das bloße Wissen, dass es Stereotype gibt, oder Diskussionen über Klischees reichen nicht aus, um sensibler auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Auch die Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien müssen mit Blick auf geschlechtergerechten Unterricht kritisch überprüft werden, denn schon durch die Lektüre von Schulbüchern erlernen Schüler stilisierte Geschlechterrollen.
Werden angehende Lehrkräfte in ihrer Ausbildung auf das Thema vorbereitet?
Langer: Das hängt stark von den Lehrenden ab. An der Universität Paderborn gibt es zudem ein Modul für Lehramtsstudierende mit dem Titel „Geschlechtstypische und kulturelle Aspekte von Kindheit und Jugend”. Insgesamt spielt das Thema aber noch eine sehr unterbelichtete Rolle in der Lehrerausbildung. Das gilt insgesamt für die Bildungswissenschaften im Lehramtsstudium, weil die Ausbildung in den Fächern überwiegt. Meiner Einschätzung nach muss der Pädagogik mehr Raum eingeräumt werden.
Wie gehen Sie den Weg zum geschlechtergerechten Unterricht wissenschaftlich an?
Langer: Wir gehen empirisch der Frage nach, ob Stereotype und Vorurteile bereits in der Schule entstehen und erforschen in Schulen, wie die pädagogische Arbeit im Alltag aussieht. Die Schwerpunkte liegen auf den Themen Geschlecht, Sexualität und Körperlichkeit. Mich interessiert, welche Relevanz Körperlichkeit für Bildungsprozesse hat, wann und wie Geschlecht im Unterricht eine Rolle spielt und welche Spielräume Schüler im Umgang mit ihrem Körper haben.
Der Geschlechterforschung wird häufig der Vorwurf gemacht, dass sie die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau ausblendet. Wie reagieren Sie auf diese Art der Kritik?
Langer: Es ist falsch, dass die Geschlechterforschung die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau ausblendet, weil wir uns mit Stereotypen beschäftigen, die sich ja genau drauf gründen. Die Geschlechterforschung stellt Verknüpfungen zur Biologie her und problematisiert die Naturalisierung, denn das Geschlecht ist nicht nur biologisch geprägt, sondern wesentlich sozial. Deshalb hat die Frage nach der sozialen Konstruktion von Geschlechtern so eine große Bedeutung.