Berlin. Antibiotika sind gegen viele Krankheiten die stärkste Waffe. Doch der übermäßige Einsatz hat eine gewichtige Kehrseite. Denn die Krankheitskeime gewöhnen sich allmählich gegen ihren Gegner und werden nicht mehr abgetötet. So genannte multiresistente Keime (MRSA) sorgen zum Beispiel in Krankenhäusern bei Patienten immer wieder für nur noch schwer zu bekämpfende Infekte.
Eine Entwicklung, die den Familienunternehmer Hans Ehwald Reinert aus Versmold besorgt. Der Chef einer Privat-Fleischerei sieht seine Branche in einer Mitverantwortung für das Problem. Denn die Weltgesundheitsorganisation sieht im massiven Einsatz dieser Arzneien in der Tierzucht eine der Hauptursachen für die Verbreitung der MRSA. „Verbraucher nehmen dies mittlerweile als ernsthafte Bedrohung wahr", sagt der Unternehmer.
Das Problem ist in der Fachwelt längst bekannt. Landwirtschaft, Industrie, Handel und Politik ringen seit Jahren erfolglos um eine einheitliche Regelung für den Umgang mit Antibiotika. „Dennoch kommen jedes Jahr noch 800 Tonnen Antibiotika in deutschen Ställen zum Einsatz", kritisiert Reinert. Dieser massive Verbrauch sei einfach zu hoch.
Pro Jahr kommen 800 Tonnen zum Einsatz
Statt auf neue Gesetze zu warten, nimmt Reinerts Fleischbetrieb lieber eine Vorreiterrolle beim Kampf gegen den übermäßigen Medikamentenverbrauch ein. Im vergangenen Jahr brachte das Unternehmen eine erste Wurstmarke auf den Markt, deren Fleisch aus Ställen stammt, in denen garantiert keine Antibiotika eingesetzt werden. „Herzenssache" heißt die Produktlinie, Reinert nun auf der Grünen Woche in Berlin einem großen Publikum präsentiert.
Schinken und Salami aus dieser Aufzucht kommen vor allem bei jungen Konsumenten gut an. Zwei Millionen Packungen Wurst hat das Unternehmen bereits abgesetzt. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt, dass 40 Prozent der Käufer noch keine 40 Jahre alt sind.
Eine weiteren repräsentativen Untersuchung des Mente-Faktum-Instituts zufolge empfinden zwei Drittel der Deutschen den Schutz vor MSRA als unzureichend. Das lässt auf eine große Nachfrage auf Fleisch aus antibiotikafreier Zucht hoffen.
In Dänemark sind die Zuchtbetriebe weiter
Doch Reinert musste nach solch einem Angebot lange suchen. Bislang gebe es in Deutschland noch keine Betriebe, die antbiotikafreie Mast in größerem Stil umsetzen, musste er erfahren. In Dänemark sind die Zuchtbetriebe schon weiter. Deshalb hat sich der Versmolder für die „Herzenssache" mit dem dänischen Fleischkonzern Danish Crown zusammengetan. 40 zertifizierte Zuchtbetriebe des Konzerns sorgen für den benötigten Nachschub für die Wurstproduktion. Reinert hofft, dass sein Vorbild bald in Deutschland Schule macht. „Wir sind davon überzeugt, dass eine deutliche Reduzierung von Antibiotika möglich ist und wir werben dafür, dass die Verbraucher uns bei diesem Anliegen unterstützen", sagt der Unternehmer.
Beim geplanten staatlichen Tierwohl-Label für Fleisch im Supermarkt beharrt Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) auf Standards, die höher sind als die gesetzlichen Vorgaben.
Das staatliche Kennzeichen sieht drei Stufen vor und soll ab 2020 für Schweinefleisch starten. Bauern sollen das Logo freiwillig nutzen können. Kriterien, die dann einzuhalten sind, stehen noch nicht fest. Schon ab 1. April wollen Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe einheitliche Packungsaufdrucke mit der Aufschrift „Haltungsform" in die Läden bringen.
Staatliches Tierwohl-Label ab 2020
Viele Labels und Werbeslogans wie „Weidehaltung", „mehr Platz" oder „kleinere Tiergruppe" seien selten nachvollziehbar, verlässlich und böten kaum Orientierung, kritisieren die Verbraucherzentralen nach einer bundesweiten Untersuchung. Speziell bei Schweine- und Rindfleisch gebe es beschönigende Auslobungen.