Bielefelderin besucht ihren Arzt - der will sie plötzlich nicht mehr behandeln

Susanne Lahr

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Für manchen Patienten kommt’s überraschend: Viele Ärzte verlegen sich auf das Privatklientel. Die Gründe sind unterschiedlich. - © Adobe Stock
Für manchen Patienten kommt’s überraschend: Viele Ärzte verlegen sich auf das Privatklientel. Die Gründe sind unterschiedlich. (© Adobe Stock)

Bielefeld. Kommt ein Kassenpatient zum Arzt . . . Nein, jetzt kommt kein Witz, sondern die Geschichte von Bettina Becker, der in dem Moment, als sie frühmorgens in der Praxis ihres Hausarztes in der Stadtmitte stand, gar nicht zum Lachen war. Zum einen, weil sie vor lauter Schmerzen kaum noch gehen konnte. Zum anderen, weil ihr langjähriger Hausarzt erklärte, dass er seit Jahresbeginn nur noch Privatpatienten behandele.

Eine Information, die die kranke 59-Jährige gerne früher gehabt hätte. Als langjährige Patientin hätte sie sich ein persönliches Schreiben gewünscht. Es gab für eine gewisse Zeit einen Aushang an der Praxistür und Handzettel. Beides hat Becker nach eigenen Worten nicht erreicht, da sie im fraglichen Zeitraum nicht die Praxis aufgesucht habe.

"Ich habe meine Karte auf den Tresen gelegt und gesagt, dass ich nicht gehe und er mich trotzdem behandeln und mir helfen muss", erinnert sich Bettina Becker. Der Arzt habe freundlich erklärt, dass er die Gesundheitskarte nicht mehr nehmen könne, da er ihre Behandlung auf diese Weise nicht abrechnen könne. Wenn, müsse sie selbst bezahlen. "Was blieb mir anderes übrig", schildert die Bielefelder, "ich hatte solche Wahnsinnsschmerzen." Nun wartet sie auf die Rechnung.

Jeder Arzt mit eigener Praxis kann entscheiden, ob er einen Kassensitz beantragen möchte

Auf dem Heimweg hat sich die 59-Jährige direkt auf die Suche nach einem neuen Hausarzt gemacht. Und ist tatsächlich fündig geworden. Als sie dort ihre morgendliche Begegnung geschildert habe, schildert Becker, habe der Arzt gesagt, dass "er die Problemstellung kennt, das wäre nicht unüblich". Bettina Becker hat der Zwischenfall indes so mitgenommen, dass sie sich an die Redaktion gewandt hat. Gehe das so einfach, Kassenpatienten rauszukegeln?

Ja, das geht, sagt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) mit Sitz in Dortmund, die für die ärztliche Versorgung und die Niederlassungsmöglichkeiten zuständig ist. Jeder Arzt mit eigener Praxis könne frei entscheiden, ob er einen Kassensitz beantragen möchte, der auch zur Abrechnung mit den gesetzlichen Krankenkassen berechtigt. Und natürlich könnte er als freier Unternehmer auch auf seinen Vertragsarzt-Sitz verzichten, erklärt Vanessa Pudlo von der Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). "Dann wird der Sitz an uns zurückgegeben." Und die KVWL müssen entscheiden, ob dieser Sitz neu vergeben wird oder nicht.

Auch Bürokratie-Wust lässt Kassenärzte aussteigen

Der betroffene Bielefelder Hausarzt, beziehungsweise seine Frau, die in der Praxis mitarbeitet, stellen die Sachlage ein bisschen anders dar. Gerne hätte ihr Mann weiterhin auch bei reduziertem Arbeitspensum Kassenpatienten behandelt, aber die Vorschriften der Kassenärztlichen Vereinigung hätten dem entgegengestanden. Der 64-Jährige will nämlich aus Altersgründen beruflich kürzer treten und hat daher entschieden, seine Praxis nur noch bis 12 Uhr zu öffnen. Da Kassenärzte jedoch gezwungen seien, auch die nachmittägliche Versorgung sicherzustellen, habe es keine Alternative gegeben. "Es gab kein Entgegenkommen", sagt die Arzt-Gattin gegenüber der NW. Die Kassenärztliche Vereinigung sei extrem unflexibel, "und so mussten wir den Kassensitz abgeben".

Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe, nennt denn auch den Abschied vom Bürokratie-Wust und die festgezurrten Sprechstundenzeiten als Gründe, warum Ärzte aus dem KV-System aussteigen.

In Bielefeld und Umgebung sind mit Stand 5. Februar 38 Kassensitze für Hausärzte frei. Der hiesige Planungsraum umfasst rund 425.000 Einwohner (die Stadt Bielefeld hat aktuell 333.000). Und bei 240 Hausärzten kommt nach der Berechnung der KVWL ein Versorgungsgrad von guten 95 Prozent heraus. Bei der hausärztlichen Versorgung beginnt offiziell die Unterdeckung bei 75 Prozent.

37 Prozent der Allgemeinmediziner sind älter als 60 Jahre

Dass sich diese Prozentzahl nicht unbedingt mit den Realitäten vor Ort deckt, wird seit längerem in Bielefeld diskutiert. Zudem sind rund 37 Prozent der Allgemeinmediziner älter als 60 Jahre, und ihr Ruhestand zeichnet sich drohend am Horizont ab, da es schwierig ist, Nachfolger zu finden. Fälle, wie der hier geschilderte, tragen dann offensichtlich noch zusätzlich zur Misere bei.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung sieht für Bielefeld Handlungsbedarf - allerdings zunächst nur für die Stadtbezirke Sennestadt und Senne, die auf einer Förderliste stehen. Wer sich als Hausarzt dort niederlassen möchte, kann bei der KVWL Anträge auf Fördermaßnahmen zur Niederlassung stellen. Es kann zum Beispiel durch ein Praxisdarlehen, eine Umsatzgarantie oder durch Kostenzuschüsse gefördert werden. Seit 2014 seien rund 80 solcher Fördermaßnahmen in Westfalen-Lippe bewilligt worden, heißt es seitens der KVWL.

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