Verdi kritisiert Arbeitsbedingungen in Biomärkten

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Symbolbild Bio-Obst - © Pixabay
Symbolbild Bio-Obst (© Pixabay)

Berlin/Bielefeld. Das Geschäft mit Bio-Lebensmitteln boomt und die Zahl der Biomärkte wächst, doch die Arbeitsbedingungen in den Märkten sind nach Einschätzung der vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) weiterhin schlecht. Die Kritik richtet sich vor allem gegen große Ketten wie Alnatura, Denn's oder Basic, die auch Märkte in Ostwestfalen-Lippe betreiben.

10,9 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Bio-Lebensmittel ausgegeben, erklärt eine Sprecherin vom Bund ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BOLW), dem Dachverband der deutschen Bio-Bauern, -Hersteller und -Händler. Die Biomärkte reagieren mit Expansion auf die wachsende Nachfrage der Bevölkerung.

Trotz dieser positiven Entwicklung lehnen die meisten Biomarkt-Ketten laut Verdi den Flächentarifvertrag für den Einzelhandel ab. Das führe dazu, dass Mitarbeiter in Biomärkten deutlich schlechter bezahlt werden, länger arbeiten müssen und weniger Urlaub haben als Mitarbeiter in tarifgebundenen Einzelhandelsunternehmen. Die Folge: Die zumeist weiblichen Beschäftigten im Einzelhandel sind zunehmend von Altersarmut bedroht.

Discounter ermöglichen flächendeckend Mitbestimmung

Weitere Kritik bezieht sich auf die Mitbestimmung von Mitarbeitern. Verdi wirft den Unternehmen vor, die Gründung von Betriebsräten zu behindern, obwohl sich die Märkte Fairness, Nachhaltigkeit, Regionalität und Tierwohl auf die Fahnen geschrieben haben. Im Vergleich zu den Discountern im Einzelhandel, die sich laut Verdi fast alle an die Tarifbindung halten und flächendeckend Mitbestimmung durch Betriebsräte ermöglichen, schneiden die Biomärkte mit Blick auf die Arbeitnehmerrechte besonders schlecht ab.

Mit dem Branchenriesen Alnatura streitet sich Verdi deshalb sogar vor Gericht. Mitarbeiter der Kette aus Bremen werfen ihrem Arbeitgeber vor, die Gründung eines Betriebsrats verhindert zu haben. Der Fall liegt mittlerweile beim Bundesarbeitsgericht, eine Entscheidung steht aber noch aus.

Gegen die Kritik der Gewerkschaft wehren sich die Biomärkte. "Die Vorwürfe von Verdi sind nicht korrekt", erklärt Alnatura-Sprecherin Constanze Klengel mit dem Verweis darauf, dass es bislang nur in einem Markt den Wunsch nach einem Betriebsrat gegeben hat.

Alnatura kündigt eine Erhöhung des Stundenlohns an

Zudem folge das Unternehmen bei der Bezahlung der Mitarbeiter dem Flächentarifvertrag für den Einzelhandel. "Wir liegen in vielen Fällen sogar darüber", erklärt Klengel. "Auszubildende erhalten 100 Euro mehr als im Tarifvertrag vorgeschrieben und ab dem 1. Mai erhöhen wir freiwillig den Mindeststundenlohn auf 12 Euro. Gesetzlich vorgeschrieben sind  9,19 Euro pro Stunde."

Hinzu kommen laut Klengel Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Entgeltumwandlung beim Fahrrad-Leasing, Einkaufsgutscheine bei guter Unternehmensentwicklung und Sozialleistungen wie betriebliche Altersvorsorge und vermögenswirksame Leistungen. "Außerdem gibt es Zuschläge für Spät-, Nacht- und Feiertagsschichten, die Wochenarbeitszeit beträgt 37,5 Stunden und bei einer Sechstagewoche haben die Mitarbeiter 36 Urlaubstage, damit gehen wir deutlich über die Anforderungen des Bundesurlaubsgesetzes hinaus, das lediglich 24 Tage vorschreibt", sagt Klengel. "Überstunden werden entweder ausgezahlt oder mit Freizeit abgegolten."

Andere Ketten verweisen hingegen auch auf Schwierigkeiten in der Branche, die sich vor allem im Bereich des Mittelstands ergeben. "Wir haben uns gegen eine Festlegung auf den Einzelhandelstarif entschieden, da dieser uns Gestaltungsspielraum nimmt", erklärt der Sprecher der Bio-Handelskette Basic AG, Manuel Zalles-Reiber. "Mit unseren 32 Biomärkten sind wir im Vergleich zu anderen Anbietern im Bereich des sehr kleinen Mittelstands angesiedelt und benötigen daher Flexibilität, um uns gegen größere Marktteilnehmer dauerhaft behaupten können."

Handelsverband bestätigt harten Wettbewerb in der Bio-Branche

Auch der Handelsverband Deutschland bestätigt, dass der Wettbewerb in der Bio-Branche härter geworden ist, weil auch Discounter ihr Sortiment mit Bio-Lebensmitteln deutlich ausbauen. Das belegen auch die Umsatzzahlen in der Branche. Laut BOLW steigerten 2018 vor allem die Discounter und Vollsortimenter des Lebensmitteleinzelhandels den Umsatz mit ausgeweiteten Sortimenten. Zulegen konnte aber auch der Naturkosthandel. Das führte nach Angaben der Sprecherin auch dazu, dass 2018 wieder mehr Unternehmen Filialen eröffneten. "Unabhängig des Angebotes an Bio-Lebensmitteln an anderen Verkaufsplätzen entwickelte sich der deutsche Fachhandel sehr respektabel", ergänzt die Sprecherin.

Laut Zalles-Reiber orientiert sich die Basic AG bei der Gehaltsgestaltung an den Tariflöhnen, bindet sich aber nicht grundsätzlich an den Tarifvertrag. "Dazu sind wir auch nicht verpflichtet." Ein Teil der Gehälter liege aber über den Tarifgehältern.

Mitbestimmung in Form von Betriebsräten gehört laut Zalles-Reiber seit über zehn Jahren zur Unternehmensgeschichte. In der Zentrale und in den Filialen gebe es Betriebsräte.

Bislang nur ein Betriebsrat in der Dennree-Gruppe

In den Biomärkten Denn's der Dennree-Gruppe gibt es nach Angaben von Personalleiter Uwe Zimmermann bislang in einem Markt eines Tochterunternehmens einen aktiven Betriebsrat. Die Gehaltsgestaltung richtet sich nach den Vertriebsregionen. "Darüber hinaus steigt der Lohn mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit und der Verantwortung weiter an." Zudem zählen laut Zimmermann Urlaubs- und Weihnachtsgeld, eine teambasierte Erfolgsbeteiligung und Mitarbeiterrabatt zum Entgelt. "Außerdem werden Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit vergütet."

Information
Denn's
Die Biomärkte gehören zur Dennree Gruppe mit Sitz in Töpen in Oberfranken. In Ostwestfalen-Lippe gibt es Märkte in Bielefeld, Herford, Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Paderborn, Lemgo, Minden und Porta Westfalica.

Basic AG
Das Unternehmen mit Sitz in München betreibt keine Märkte in Ostwestfalen-Lippe, jedoch sechs in NRW in Dortmund, Essen, Düsseldorf, Köln, Bonn und Aachen.

Alnatura
Das Unternehmen mit Sitz im südhessischen Bickenbach betreibt keine Märkte in Oswestfalen-Lippe, vertreibt Produkte aber in zahlreichen Edeka-Märkten und Rossmann-Filialen.

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