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Naturkatastrophe

Herforder Fotograf ist für "Cap Anamur" in Mosambik und erlebt Tod und Zerstörung

Thomas Hagen, Jürgen Escher

Beira/Herford. „Es ist unvorstellbar, dieser Zyklon hatte biblische Ausmaße und hat nur Tod und Zerstörung hinterlassen", sagt Jürgen Escher. Der 66-jährige Fotograf aus Herford ist seit rund drei Jahrzehnten das fotografische Auge der Hilfsorganisation „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte e.V.". In dieser Zeit hat Escher viel Leid und Elend vor die Kameralinse bekommen. Doch das, was er jetzt mit ansehen musste, übertraf seine schlimmsten Erwartungen.

Wenige Tage nach dem Sturm flog er als Teil des Erkungsteams mit Koordinator Michael Schlüssel und Krankenpfleger Lutz Sarzio von Johannesburg nach Beira – nach dem Zyklon eine Stadt ohne Dächer. „Die Menschen, die schon vorher kaum etwas besaßen, haben jetzt überhaupt nichts mehr", sagt Michael Schlüssel.

Helfer sprechen vom "Ozean im Landesinneren"

Weite Teile Mosambiks sind überflutet, Helfer sprechen von einem „Ozean im Landesinneren". Ganze aus Lehm gebaute Dörfer und alle ihre Einwohner sind einfach verschwunden. Luftaufnahmen zeigen Leichen, die auf dem Wasser treiben. Für sie kam jede Hilfe zu spät, sie konnten nicht mehr per Helikopter gerettet werden.

Das Wasser und der Sturm, seit Menschengedenken einer der verheerendsten in Afrikas Südosten, haben weite Teile des Landes verwüstet, darunter besonders die Küstenstadt Beira mit mehr als einer halben Million Einwohner. Dort sind bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört. Hunderttausende Menschen stehen vor dem Nichts. Das wenige, was sie besaßen, hat Zyklon Idai mit sich gerissen, niedergewalzt oder wurde anschließend von den Wassermassen fortgespült. Der Sturm zerstörte Stromleitungen und Häuser, er riss Bäume um und peitschte das Meer auf – glücklicherweise war Ebbe, das Meer hatte sich zurückgezogen. Bei Flut wäre die Sturmflut etwa doppelt so hoch ausgefallen.

Ausbruch der Cholera verschärft die Lage

„Mitten im Sommer sieht es aus wie im Winter", beschreibt Escher das, was er vor Augen hat. „Tausende Bäume sind entlaubt oder ganz entwurzelt", sagt der Fotograf. Bei einem Helikopterflug zeigte sich das Ausmaß der Katastrophe: „Die Felder sind überspült, die Ernte vernichtet. Was auf die Naturkatastrophe folgen wird ist die Hungerkatastrophe", ist sich Escher sicher. Dort wo die Ärmsten leben hat der Zyklon besonders gewütet. Sie haben sich erst einmal in Obdachlosen-Lager retten können. An den neuralgischen Punkten in Beira leisten Cap Anamur-Mitarbeiter nun akute medizinische Versorgungs- und Aufbauhilfe – wie viele andere Hilfsorganisationen, die nach und nach in Mosambik eintreffen.

Im Helikopter über der Katastrophenregion: der Herforder Fotograf Jürgen Escher - © Jürgen Escher
Im Helikopter über der Katastrophenregion: der Herforder Fotograf Jürgen Escher (© Jürgen Escher)


Zuerst sollen auch die verseuchten Brunnen wieder instand gesetzt werden. Rund 3.000 Schulen sind zerstört, für deren Wiederaufbau will die seinerzeit von Rupert Neudeck gegründete Organisation sorgen. Zuerst jedoch ist ein mobiles Klinikteam in den Armengebieten unterwegs, um die ärgste Not zu lindern. „Der Wiederaufbau beginnt kommende Woche", weiß Escher. Was erschwerend hinzukommt, ist die Tatsache, dass die Cholera ausgebrochen ist. Viele weitere Opfer werden deshalb befürchtet. „Im Krisengebiet in Mosambik funktioniert nichts. Es gibt keinen Strom, kein Trinkwasser, die Straßen sind zerstört, weite Landstriche stehen unter Wasser", beschreibt Escher die Lage.

Zusammen mit seinen Begleitern ist er nun auf dem Rückweg nach Deutschland – die Menschen in Mosambik aber müssen ausharren und sind auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. „Wir zählen auf die Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung", sagt Bernd Göken vom Leitungsteam in Köln. Das sucht händeringend nach Helfern – am besten mit Portugiesisch-Kenntnissen.

Infos und Spenden unter: www.cap-anamur.org


Information

Wie Tropenstürme entstehen


Nach Expertenmeinung kam die Katastrophe nicht unerwartet. In unregelmäßigen Abständen kreuzen Tropenstürme wie jetzt Idai die Region. Das Unwetter gewann seine Kraft in der Straße von Mosambik, der Meerenge zwischen Madagaskar und Afrika, deren Wasser sich den Hochsommer über stark aufgeheizt hat. Warmes Meer liefert die Kraft für Tropenstürme: Sie entstehen, wenn eine etwa 50 Meter dicke Wasserschicht an der Oberfläche mindestens 27 Grad Celsius erreicht. Aus dem warmen Meer steigt Wasserdampf und kondensiert in der Höhe zu Wolken. Die Energie, die zum Verdampfen des Wassers notwendig war, wird dabei wieder frei und lässt die Wolken immer höher emporsteigen. So entsteht ein Sog, ein starkes Tiefdruckgebiet mit heftigem Wind.
Seine besondere Reise machte Idai extrem kraftvoll: Nach seiner Entstehung am 3. März kreuzte der Luftwirbel hin und her über der Straße von Mosambik, blieb somit lange überm warmen Ozean und tankte ungewöhnlich viel Energie.

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